Erzählkünstler

Erzählkünstler

Volker Drüke
Země Německo
Žánry Arts, Books, Fiction
Jazyk DE
Epizody 92
Nejnovější 08.06.2026

In diesem Podcast werden regelmäßig vorgelesene Novellen und Erzählungen präsentiert. Es geht um Literatur aus vergangenen Jahrhunderten, die von Schauspielerinnen und Schauspielern professionell eingelesen wurde. Zunächst jeden Dienstag, ab März 2024 jeden zweiten Dienstag gibt es neue Folgen. Ein Hörerlebnis für alle, die sich gerne vorlesen lassen.

Epizody

  • "Der Zug hat gepfiffen" (Luigi Pirandello) 08.06.2026 18min
    Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wird immer häufiger der Büroangestellte zum Thema literarischer Erzählungen. Berühmt in deutscher Sprache natürlich die vielen Kafka- und Walser-Figuren, die vor der Kulisse der Sorgfalt, Ordnung und Disziplin oftmals in irgendwelche Schwierigkeiten geraten, die sie sich zuvor aus ihrer sicheren Schreibtisch-Perspektive gar nicht hätten vorstellen können. Auch Luigi Pirandellos Figur Belluca wirkt in jener Novelle, die wir heute vorstellen, merkwürdig, sein Gesicht zeigt einen anderen Ausdruck als üblich. Und sein Chef beklagt sich schließlich darüber, dass sein Angestellter den ganzen Tag über nichts erledigt hat. Die Kollegen lachen über ihn – zunächst. Doch dann ... Belluca erzählt von einem Zug, den er in der Nacht zuvor pfeifen gehört und gesehen hatte, ja ihm hinterhergelaufen war. Und da regte sich in ihm die Sehnsucht: „Viel, viel ferne Welt, der jener Zug entgegenfährt. Florenz, Bologna, Turin, Venedig“, erzählt der Erzähler. Es sei eine „wiedergefundene Phantasie“. Doch eine solche Phantasiewelt ist nicht bürofähig. Der Erzähler klärt uns auf, er klärt den sozialen Hintergrund des Ganzen, die Vergangenheit, das elende Zuhause. „Geheul und Gebrüll“ jeden Abend. Enge. 13 Menschen in ’ner knappen Wohnung: 5 Frauen (3 sehr alt und erblindet), 7 verwaiste Kinder. Und Belluca, der Alleinverdiener, der kaum schläft, weil er zusätzlich nachts arbeitet. „Abschreibeaufträge“ – wie Bartleby (ein weiterer bedeutender Büroarbeiter in der Weltliteratur). Für den Erzähler ist der Ausbruch der psychischen Störung eine natürliche Folge der bitteren sozialen Umstände, in denen Belluca leben muss, der „buchstäblich vergessen (hatte), dass die Welt existierte“ – bis er den Zug pfeifen hört, als Signal des Beginns eines neuen inneren Lebens. Seine Imaginationsfähigkeit („ein wenig Weltluft zu atmen“) ist ihm dann mehr als Trost, sie ist die Öffnung einer kompensatorisch wirkenden Welt, die sein Leben erträglicher macht. Und die Idee des Erzählers, dass Belluca im Büro doch die Erlaubnis erhalten könnte, zwischendurch imaginär nach Sibirien oder in den Kongo zu reisen, ist äußerst human und humanistisch. Doch leider unrealistisch. Belluca landet in der psychiatrischen Anstalt. „Der Zug hat gepfiffen“ ist eine starke Erzählung, sehr realistisch wirkend, im Sprachduktus geradezu sachlich, fast kühl daherkommend. Luigi Pirandello publizierte sie in Italien zuerst im Jahr 1922 und wird hier gelesen von Volker Drüke.
  • "Rosalie Prudent" (Guy de Maupassant) 25.05.2026
    Doppelmord! Infantizide! – In der Literatur wird seit den späten 50er-Jahren des 19. Jahrhunderts von allem erzählt, was den Menschen bewegt. Und es ist ihr gestattet, dies bis zu einer gewissen ethischen Grenze so subjektiv wie irgend möglich zu tun. Doch was wir in „Rosalie Prudent“ zu lesen und zu hören bekommen, ist schier ungeheuerlich, es ist grauenhaft. Eine emotional umwerfende Geschichte hat Guy de Maupassant hier geschrieben. Und radikal-subjektiver geht es gar nicht als in dem erzählten Bericht der Frau mit dem titelgebenden Namen, die sich vor Gericht verantworten muss für den Horror, den sie anrichtete. Sie ist die erzählte Erzählerin. Und sie ist nun einmal wie sie ist. Recht eigen. Man sagt ja schon mal so dahin, dass Geburt und Tod manchmal nah beieinanderliegen – so nah beieinander wie in dieser Geschichte liegen der Anfang und das Ende dann aber doch nur sehr, sehr selten. Und das dann noch in doppelter Ausführung ... Es ist äußerst extrem, was hier erzählt wird, und unsere Vorleserin Annette Hoppe führt uns sachte heran an das Geschehene, an den Schmerz; doch zugleich hält sie uns klugerweise schließlich ein wenig auf Distanz. Ganz wie der Autor im letzten, dann doch auch buchstäblich komischen Dialog. Guy de Maupassant schrieb „Rosalie Prudent“ im Jahr 1886.
  • "Acht Uhr" (Robert Walser) 11.05.2026
    Es ist eine Eigenart der Literatur, der Kunst überhaupt, dass sie Bekanntes, Gewöhnliches, Banales, alle Dinge des Lebens neu betrachtet, aus einer anderen Perspektive. Somit sollte es uns nicht überraschen, dass auch mal eine Uhrzeit literarisch porträtiert wird. Tut es aber doch, denn es ist schon komisch im besten Sinne, wenn Robert Walser in seinem Text „Acht Uhr“ von ihrer „Unerbittlichkeit“ schreibt und davon, dass sie nicht „nach persönlichem Gefühl, Geschmack oder Belieben“ fragt. Morgens sei sie „die Treibende, Zwingende“ – die tätigen Menschen eilen an ihre Arbeits- oder Studierstätten. Abends werde „auch geeilt, aber auf eine andere Art, in einem anderen Gewande“. Das Konzert beginnt, das Theaterstück. Diese zweite Acht-Uhr-Art „glitzert, während die andere scheinbar ohne Schimmer ist“. Die am Abend befiehlt nicht, sie „ladet mehr ein“ (sic!). Walser ist ein Schriftsteller mit einer eigentümlichen Sprache und äußerst unterhaltsamen Verrücktheiten. Zu Lebzeiten blieb er von der Öffentlichkeit fast ebenso wenig beachtet wie das, worum dieser Text kreist. Im Leben neben dem Schreibtisch quälten diesen Autor bald Angst und Halluzinationen. Er suchte freiwillig – auf Anraten seines Arztes – eine psychiatrische Klinik auf, blieb dort und schrieb weiter. Bis zu seinem Tod. Was uns bleibt, sind vier Romane und etliche kurze Prosatexte. Einen dieser präsentieren wir heute. „Acht Uhr“ ist exakt 100 Jahre alt und wird hier vorgetragen von Volker Drüke.
  • "Stuck ... stuck ... stuck! ..." (Iwan S. Turgenjew) 27.04.2026 1h 5min
    In den 30er-Jahren des 19. Jahrhunderts gab es in Russland eine breite intellektuelle Strömung, die das individuelle Leben als komplett determiniert ansah. Da war einfach nichts zu machen, wenn die Sterne für einen schlecht standen, das Schicksal es nicht gut mit einem meinte. Iwan Turgenjews Geschichte „Stuck ... stuck ... stuck! ...“ spielt gewissermaßen mit diesem Gedankengut, das höchstwahrscheinlich vielen Menschen das Leben unnötig vergraulte, vielleicht auch versaute. So auch dem Protagonisten in Turgenjews Erzählung. Tegljows Fatalismus versperrt ihm vollkommen den Blick auf die Wirklichkeit des Geschehens. Zahlenmystik, Astrologie, das übliche Programm des Determinismus bestimmt seine emotionale Verfasstheit, dies dann auch im psychopathologischen Sinne: So ist Tegjlows Braut sicher an Cholera gestorben – für ihn steht aber fest, dass sie Selbstmord beging, aus Frustration darüber, dass er sein Heiratsversprechen ihr gegenüber nicht einlösen konnte. Und nun rufe sie ihn zu sich. Die Konsequenz heißt: Suizid. Wie erwähnt: Da ist nichts zu machen, wenn man die Welt als von fremden Kräften und Mächten gestaltet ansieht. Eine „Studie eines russischen Selbstmords“ sei diese 1871 erschienene Erzählung, schrieb Turgenjew. Eins ist aber auch wahr: Trotz der eigentlichen Tragik enthält sie sehr komische Szenen. Wir veröffentlichen Christian Brückners unnachahmliche Vorleseversion des Werks dank der Genehmigung der Westdeutschen Blindenhörbücherei (WBH) in Münster.
  • "Die Tote" (Guy de Maupassant) 13.04.2026 14min
    Schmerzensspiegel, brennende Spiegel, Kränze aus Glasperlen und verwelkten Blumen, ein nächtliches Kriechen auf dem Friedhofsboden ... Ja, es wirkt durchaus extrem, was wir in Guy de Maupassants Geschichte „Die Tote“ lesen und hören. Der Erzähler hatte die Verstorbene außerordentlich stark geliebt, seine Worte legen Zeugnis davon ab. Die Liebe ging und geht noch immer so weit, dass er sich schwerlich lösen, trennen kann. Er besucht ihr Grab. Und was jetzt geschieht, was für Gestalten nun so auftreten, sprengt im Grunde den Rahmen der ästhetisch hochwertigen Literatur, doch Maupassant gelingt es, auch sehr merkwürdig anmutende Situationen, ja sogar Zombies als vorstellbar darzustellen. Das wirkt in dieser Novelle unterhaltsam, etwas gruselig und auch komisch im besten Sinne – bis zu dem Moment, in dem wir die neue, von der auferstandenen Verstorbenen selbst eingeritzte Marmorkreuz-Inschrift lesen: „Eines Tages ging sie aus, um ihren Geliebten zu hintergehen, erkältete sich bei Regenwetter und starb.“ Nun ist es vorbei mit der Komik. Der Hinterbliebene/Erzähler fällt jedenfalls in Ohnmacht. Bei Tagesgrauen fand man ihn ohnmächtig neben einem Grab. Dass er uns all dies erzählen kann, spricht für sein Überleben und zeigt eine gewisse Distanz zum Geschehenen an. Denn nur so kann über eigenes Leiden geschrieben werden. Doch was aus dem Erzähler wurde, kann nur eine Vermutung bleiben. Wir wissen es nicht. Starke Literatur bleibt nun einmal ambivalent. – „Die Tote“ von Guy de Maupassant stammt aus den 80er-Jahren des 19. Jahrhunderts und wird vorgelesen von Volker Drüke.
  • "Eine Erzählung, aus einem italienischen Buche übersetzt" (Ludwig Tieck) 30.03.2026
    Ludwig Tiecks Literatur ist anders als die seiner Zeitgenossen. Wer wissen möchte, worin das Spezielle in seinen Werken liegt, der höre die in diesem Podcast sehr erfolgreichen Aufnahmen „Des Lebens Überfluss“ und „Der blonde Eckbert“. Oder eben jene Geschichte, die wir heute vorstellen. Ihre Ausgangslage ist einfach: Ein Kunsthändler ist auf dem Weg zu einem armen Maler, um bei ihm ein, wie er hofft, nun fertiggestelltes Bild abzuholen. Der Händler hat durchaus eine starke Bindung zur Kunst, ja, er scheint gar fixiert zu sein auf dieses eine, „sein“ Kunstwerk, das er freilich noch gar nicht erworben hat, und wirkt enttäuscht, wenn Vorüberlaufende nicht wie Figuren aus diesem Bild aussehen. Auch beneidet er den Maler um dessen Leben, das dieser allein der Kunst zu widmen scheint, idealisiert dabei, wie wir hören, deutlich die Künstlerexistenz. Was folgt, ist aber ein dann doch schroffes Aufeinandertreffen der Kaufmannswelt und jener des Kunstproduzierenden. Geschäftssphäre vs. Kunstsphäre mitten im aufkeimenden Kapitalismus. Das kennen wir aus etlichen Texten aus dem späten 18. und gesamten 19. Jahrhundert. Doch Tieck ist, wie erwähnt, ein spezieller Autor. Hier verharren die Haltungen nicht in Opposition, hier wandeln sie sich, genauer: Eine wandelt sich. Auf dem Nachhauseweg begegnet der Händler einem Schäfer, und diese Interaktion, diese Spiegelgeschichte in Tiecks Text verändert die Haltung des Erzählers. Noch immer zeigt er sich eitel, und die kapitalistische Arroganz weicht sicher nicht komplett, aber immerhin ein wenig auf. Sein emotionales Empfinden wird offenbar bereichert durch Empathie und „Rührung“ (wie es im Text heißt). Und so geht er in die zweite Verhandlungsrunde, die sich ganz im Sinne des Künstlers entwickelt. Die erstaunliche Verwandlung des Händlers zeigt Tieck auch semiotisch an, über die Zeichen der Sprache, indem er den Erzähler so lange von „meinem“ Werk schreiben lässt, solange es noch dem Maler gehört, und – umgekehrt – von „seinem Bild“, also dem des Künstlers, nachdem er selbst es längst erworben hatte. „Eine Erzählung, aus einem italienischen Buche übersetzt“ ist eine Künstler- und Wandelgeschichte, die sich gleichsam hin zur Darstellung einer von Empathie geprägten zwischenmenschlichen Beziehung bewegt, ohne in Kitsch abzugleiten. Sie erschien im Jahr 1973. Das eigentliche Entstehungsjahr ist unbekannt, und die Frage, ob Ludwig Tieck den Text aus einem italienischen Werk übersetzt oder ihn nachgedichtet hat oder ob der Titel schlicht nicht ernst zu nehmen ist und das alles genuin von Tieck selbst stammt – all das ist unklar, doch es ist auch gar nicht wichtig. Wir begegnen einem ästhetisch schönen Werk. Das reicht. Es liest Volker Drüke.
  • "Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse" (Franz Kafka) 16.03.2026
    Die Ich-Erzählerin macht sich weitreichende Gedanken. Über das Volk, dem sie angehört, soziologische Fragen, psychologische, auch musikalische, vor allem zum Gesang. Da gibt es nämlich diese Josefine, die behauptet, singen zu können. Doch ist es überhaupt ein Singen, nicht eher ein Pfeifen? Nur weil sich jemand „feierlich hinstellt, um nichts anderes als das Übliche zu tun“, ist sie doch keine Künstlerin. Oder doch? Die Erzählerin ist sich da nicht sicher. So sei Nüsseknacken „wahrhaftig keine Kunst“, erläutert sie, „deshalb wird es auch niemand wagen, ein Publikum zusammenzurufen und vor ihm, um es zu unterhalten, Nüsse knacken. Tut er es dennoch und gelingt seine Absicht, dann kann es sich eben doch nicht nur um bloßes Nüsseknacken handeln. Oder es handelt sich um Nüsseknacken, aber es stellt sich heraus, dass wir über diese Kunst hinweggesehen haben, weil wir sie glatt beherrschten, und dass uns dieser neue Nussknacker erst ihr eigentliches Wesen zeigt, wobei es dann für die Wirkung sogar nützlich sein könnte, wenn er etwas weniger tüchtig im Nüsseknacken ist als die Mehrzahl von uns.“ Das Volk der Mäuse hat offenbar ein komplexes Verhältnis zur Gesangskunst und zu seiner Sängerin, der zarten und meist schweigsamen Josefine. Trotz seiner „Unmusikalität“ meint es, Josefines Gesang zu verstehen, was sie vehement verneint. Im Laufe ihrer Reflexionen fällt der Erzählerin zudem ein, dass ihr Volk über eine „Ahnung dessen, was Gesang ist“, verfügt, denn „in den alten Zeiten“ gab es ihn durchaus. „Sagen erzählen davon und sogar Lieder sind erhalten, die freilich niemand mehr singen kann.“ Nur entspreche diese Ahnung „Josefines Kunst eigentlich nicht“. Hm. Es ist dann auch von väterlichem Schutz die Rede, den das Volk seiner Sängerin biete. Doch Josefine, die als Rebellin gilt, ist natürlich „der gegenteiligen Meinung, sie glaubt, sie sei es, die das Volk beschütze“. „Ich pfeife auf euren Schutz“, sagt sie. „Ja, ja, du pfeifst“, lautet die Antwort ... Dann wieder wird eine „gewisse unerstorbene, unausrottbare Kindlichkeit“ in der Gesellschaft hervorgehoben, denn „eine wirkliche Kinderzeit können wir (...) unseren Kindern nicht geben“. Die Kindlichkeit bleibt im Volk erhalten und davon „profitiert seit jeher auch Josefine“. So geht es unentwegt zu in Kafkas Text. Sprachlich einzigartig, radikal eigenwillig und ästhetisch hochwertig, mit gewagten, immer überraschenden Wendungen – das alles unterhaltsam dargeboten und sehr, sehr komisch. Es wird gedreht und gewendet, perspektivisch neu betrachtet – ein Vergnügen für Freundinnen und Freunde der modernen Literatur. Und wenn Franz Kafka eine solche Geschichte veröffentlicht, kann man schon vermuten, dass das alles auch mit seiner eigenen Kunst zu tun hat. Das Schreiben ist in den meisten menschlichen Gesellschaften ja etwa so gewöhnlich wie das Nüsseknacken bei Mäusen; doch wenn es so einer wie Franz Kafka tut und sich gewissermaßen „feierlich hinstellt“, um das Ergebnis seines Schreibens zu präsentieren, dann wird es zur Kunst. Es ist der letzte Text, den der Autor schrieb und korrigierte. Er erschien knapp vor seinem Tod im Jahr 1924 und wird für uns gelesen von der famosen Heide Bertram (übrigens selbst so eine Josefine, eine Sängerin!).
  • "Der Uhrenmacher" (Hans Henny Jahnn) 03.03.2026
    „Er tut etwas für mich.“ – Mitten in der Erzählung, die sich lange um Uhren und Orgeln aus verschiedenen Jahrhunderten dreht, um Verwandlungen und Tierschreie, um eine ganze Wunderwelt der Mechanik und Phantasie, fällt dieser Satz. Er stammt vom Sohn, der die Geschichte erzählt, und bezieht sich auf den Vater, den Uhrenmacher. „Das habe ich für dich getan“, hatte dieser gesagt und eine seiner Aufführungen mit all den barocken Werkstücken aus seinem Laden gemeint. Und dann denkt der Sohn den zitierten Satz – und ist den Tränen nahe. Er kennt es gar nicht, dass der Vater etwas für ihn tut. Vieles ist im Geschäft und der Werkstatt zu sehen, zu hören, zu assoziieren. So viel, dass dem Sohn schließlich – allein auf dem Fensterbrett sitzend – schwindelig wird vor Aufregung und Faszination inmitten des Geschehens, das ihm präsentiert wird. Die Erzählung mündet jedoch in einer Frage, die mit dem vom Vater stolz Präsentierten scheinbar überhaupt nichts zu tun hat: Warum er nie mit ihm und der Mutter esse, fragt der Sohn, als er seinen Vater mit dem Gehilfen nach der Show beim Abendessen sieht. Ihm geht es also nicht um Uhrwerke, Orgeln usw., sondern um das Basale: das Zusammensein in der Familie. Und nun wird „Der Uhrenmacher“ endgültig eine andere Geschichte. Denn die Uhren, so belehrt der Gefragte seinen Sohn, „würden traurig werden“, wenn er sie verließe. „Auch wir sind traurig“, sagt der Sohn. Darauf erhält er gar keine Antwort. Dem Vater geht es um die Uhren: Sie „würden stillestehen und niemals wieder ihren Gang beginnen. Euer Herz steht nicht stille, es bricht nicht.“ Es sind Antworten eines offenbar vom Mechanischen Bestimmten, eines Menschen, der glaubt, alles in der Welt wäre mechanischer Art – auch zwischenmenschliche Beziehungen. Eine Art homo mechanicus. Und einer, der nur innerhalb des eigenen Gebiets überhaupt in Kontakt mit anderen kommt. Der Sohn muss sich schon in das väterliche Reich begeben, um überhaupt eine Interaktion zu provozieren ... Der Schriftsteller Hans Henny Jahnn war selbst Orgelbauer und auch Musikverleger. Ein sehr spezieller Autor, der sich um Erzählkonventionen nicht scherte, und das merkt man auch in dieser Erzählung. „Der Uhrenmacher“ erschien zuerst im Jahr 1953 und wird hier gelesen von Volker Drüke.
  • "Herbst" (August Strindberg) 17.02.2026 35min
    Jetzt sei „der Zauber gebrochen“, heißt es einmal in dieser Geschichte, „die letzte Spur der Geliebten war verschwunden“. Bitter. Auch, weil all das Erzählte in Strindbergs „Herbst“ paarpsychologisch vollkommen nachvollziehbar ist. Hier wird nicht gewertet, geurteilt, es wird dargestellt, schonungslos. Zum Ende hin wird es immer härter, unbarmherzig, aber: nicht ganz ohne Hoffnung. Und ja! Die gab es zuvor auch schon: Als der Mann aus beruflichen Gründen einige Wochen von zu Hause weg ist, beginnt er, seiner Frau Briefe zu schreiben, in Worten, die sie lange nicht oder noch nie von ihm gehört, gelesen hatte. Die Eheleute begegnen sich nun auf einer neuen Ebene, etliche Liebesbriefe fliegen hin und her. Doch die Annäherung verharrt im Schriftlichen. Als sie sich wiedersehen, ohne die Kinder und in großer Hoffnung auf eine Erneuerung der Liebe, schaffen sie es nicht, herauszukommen aus dem Gewohnten, hinzukommen zu dem anderen, wegzukommen von den eigenen Hemmungen. Kein Aufeinander-Zugehen, keine verständnisvolle, empathische Kommunikation – alles nicht mehr möglich. Nur im Streit wirken sie hemmungslos, da geht es ordentlich zur Sache. Eine Beziehung im Herbst. (Die Jahreszeiten symbolisieren in der Beziehungsbeschreibung durchweg die Lage der beiden.) Diese in ihrer desillusionierenden Darstellung ungewöhnliche Paar-Geschichte ist in weiten Teilen vom männlichen Blick geprägt. Doch es gibt auch die weibliche Perspektive. Wenige Worte und nonverbale Zeichen reichen aus, um das Unwohlsein und die Weitsicht der Frau auszudrücken. Als der Mann sich selbst einmal einen „alten Narr“ nennt, schweigt sie dazu. Doch ihre Augen nehmen einen „zerschmetternden Ausdruck von Würde an“. Puuh! „Herbst“ von August Strindberg stammt aus dem Jahr 1884 und wird hier vorgetragen von Georg Lippert.
  • "Durch den Garten von Schloss Rosenborg" (Herman Bang) 03.02.2026
    Ein kleiner, feiner Text. Wie mit frisch gespitztem Bleistift zu Papier gebracht. Nur Notwendiges wird notiert. Auch der Erzähler bleibt außen vor, wir erfahren fast nichts über ihn. Ein Beobachter eines Paars ist er, eine Art liebevoller Voyeur, also einer im außererotischen Sinne. Der Autor Herman Bang malt oder schmückt in seiner Geschichte nichts aus, er deutet nur an, überlässt alles Weitere den Imaginationen der Lesenden und Hörenden. Und gestaltet seine Erzähl-Miniatur so fein wie ein Zeichner seine Skizze. Darin ist von zwei Menschen die Rede, einer Frau und einem Mann, die zunächst als einander Liebende auftreten – oder so wirken. Er sieht sie in einem Garten, seit antiken Zeiten in der Literatur ein locus amoenus, ein lieblicher, idealer Ort. Im Frühjahr, der Zeit des Aufblühens, des Wandels, des Sich-Entwickelns. Später, nach dem Frühling, sieht er nur noch sie, die Frau. Was war geschehen? Warum ist sie nun allein unterwegs? Und: „Welchen Weg nimmt er jetzt wohl zu seinem Tagwerk?“ So der letzte Satz. Alles bleibt offen. Herman Bangs Text „Durch den Garten von Schloss Rosenborg“, wunderbar sorgfältig in Szene gesetzt und schön in seiner eigentümlichen ästhetischen Art, erschien zuerst im Jahr 1899. Die aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg übersetzte Version liest Volker Drüke.
  • "Zuversicht" (Adalbert Stifter) 20.01.2026
    Vatermord! Lassen wir Sigmund Freud, Sophokles’ Ödipus und auch die spätestens seit Erich Fromm geltende symbolische Bedeutung dieses Begriffs außen vor. Denn das alles spielt in Adalbert Stifters mitreißender Novelle „Zuversicht“ keine Rolle. Dieser Autor lässt den Sohn wirklich den Vater töten, und das ganz bewusst! Unglaublich eigentlich, aber wahr in der literarischen Wirklichkeit. Ein Tabubruch sondergleichen. In einem Moment lässt der Sohn alles hinter sich: Beziehungen, Zukunft, gar das eigene Leben. Denn dem Schuss auf den Vater folgt ein Splattermovie-ähnliches Geschehen, das dann endgültig alles zunichte macht, was hätte folgen können. Es hätte eine neue Familie entstehen können, es hätte zu einer Versöhnung zwischen den Verkrachten kommen können, eine Frau wäre nicht Alleinerziehende eines unehelichen Kindes gewesen (im 19. Jahrhundert!) und das Kind wäre in einer entwicklungsfördernden Umgebung aufgewachsen. Zu all dem kam es nicht, weil ein väterlicher Brief den Sohn nie erreicht. Bei ihrem soldatischen Zusammentreffen, als sie tot nebeneinander liegen, kommt der Brief dem Adressaten dann doch noch nah. Man fand in der Jacke des Vaters „das Konzept eines Schreibens“, das Versöhnung offenbarte und all das Beschriebene in Aussicht stellte. Der Brief überlebt, Absender und Adressat sind tot. Stifters Text versprüht eine ungeheure ästhetische Kraft, die Tragik und Gewalt mit sich führt. Wer mitfühlt, spürt die Energie! Dabei fängt alles langsam, geradezu ruhig an. Der Autor lässt einen älteren Herrn in einer zunächst sehr regen Gemeinschaft, die über die „Schreckenszeit“ in Österreich nach der Französischen Revolution diskutiert, etwas ganz Außergewöhnliches aus jener Zeit erzählen, das zwei einstige Dorfbewohner betrifft: Vater und Sohn, aristokratischer Herkunft und in inniger Beziehung stehend, kämpfen nach plötzlichen intrafamiliären Auseinandersetzungen und der Verbannung des Sohnes nach Paris dann, bei den postrevolutionären französisch-österreichischen Kämpfen, auch in verschiedenen Truppen. Sie treffen in einer Schlacht aufeinander, und es geschieht das kaum Aussprechliche, das Adalbert Stifter mit großer Erzählkunst darstellt. Und er macht auch in knappen Worten klar, dass der Krieg hier nicht der einzige Grund für das Geschehen mit Todesfolge ist. Auch die Liebe spielt ihre Rolle. Der Krieg und die Liebe. Wie so oft. Auf das Ende dieser emotional mitreißenden, ja schockierenden Binnenerzählung folgt der Rahmenschluss der gesamten Geschichte, dann wieder – wie zu Beginn – in Gesellschaft. Von der anfänglichen Diskussionsfreude unter den Leuten rund um den Erzähler keine Spur mehr. Stattdessen „Schweigen“, wie es heißt. Wie Stifter hier die Verlegenheit und auch die Scham der Gemeinschaft kurz und psychologisch absolut nachvollziehbar darstellt, ist erzählerisch brillant. Zu der Geschichte, die „der Alte“ vortrug, gibt es nichts zu sagen – sie macht sprachlos, „weil jeden der Dämon des Vatermordes mit düsteren Augen ansah“. Schließlich sagten die Leute einander „schöne Dinge, gingen nach Hause, lagen in ihren Betten und waren froh, dass sie keine schweren Sünden auf dem Gewissen hätten“. Adalbert Stifter schrieb die Novelle „Zuversicht“ im Jahr 1846. Volker Drüke bringt sie 180 Jahre später zu Gehör. An Wirkung hat dieses weitgehend unbekannte Meisterwerk nicht die Spur verloren.
  • "Der entwendete Brief" (Edgar Allan Poe) 06.01.2026 56min
    In der Psychologie gibt es den Begriff Theory of Mind. Er beschreibt die Fähigkeit Einzelner, sich in die mentale Welt anderer hineinversetzen und somit deren Gedanken und Überzeugungen erschließen zu können. Es ist ein kognitives System, das einen radikalen Perspektivenwechsel ermöglicht. Zwar erwerben wir diese Fähigkeit bereits im Kindesalter, doch es hilft, wenn wir sie später weiterhin pflegen. So gelingt es, unser Gegenüber weit besser zu verstehen und – wenn wir darin gut geübt sind – dessen zukünftiges Verhalten vorherzusagen, das Handeln anderer gar in das eigene zu integrieren. Was hat das alles mit Literatur zu tun? Nun, auch über die Lektüre oder das Hören psychologisch stimmiger Literatur mit gut gesehenen Menschen/Figuren können wir unsere Empathie und eben auch unsere Einschätzungen, die auf der Theory of Mind basieren, trainieren. Und wenn wir es dann noch mit einem Text zu tun haben, in dem all das selbst thematisiert wird, kann das schon eine besonders spannende Angelegenheit sein. In Edgar Allan Poes Text „Der entwendete Brief“ begegnen wir jedenfalls dem Amateurdetektiv Dupin, der vom Pariser Polizeipräfekten um Hilfe bei der Suche nach einem Brief gebeten wird, der einer gesellschaftlich bedeutenden Dame gestohlen wurde. Der Brief hat es wohl in sich, das Ganze hat gar eine politische Dimension, jedenfalls wird sie nun erpresst. Dann wird es verzwickt: Der Täter ist zwar bekannt, er kann aber nicht verhaftet werden, da eine Veröffentlichung der ganzen Angelegenheit sicherlich großen öffentlichen Schaden anrichten würde. Eine extrem gründliche Hausdurchsuchung durch die Polizei blieb ohne Erfolg. Doch der Brief muss gefunden werden. Dupin versetzt sich mental in die Lage und Gedanken des Täters und – findet ihn. Auch erläutert er eindrucksvoll und höchst unterhaltsam anhand einiger anschaulicher Anekdoten und einer kritischen Auseinandersetzung mit mathematischen Axiomen usw., welche Denkweise seiner eigenen Methode zugrunde liegt: die hier literarisch vorgeformte Theory of Mind (unter dieser Bezeichnung wissenschaftlich erst viel später beschrieben). Das ist sehr spannend, in einer ästhetisch schönen Sprache erzählt und das Ende der Geschichte, die Auflösung des Falls, beeindruckend. Der Fall lässt den Leser/die Hörerin nicht so schnell wieder los. Die Figur Dupin, die noch in weiteren Poe-Erzählungen auftaucht, war Vorbild für Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes und man kann sie zweifellos als eine Art Ursprungsfigur all der Profiler bezeichnen, die heute in Streaming-Serien herumschwirren. Poes Erzählung aus dem Jahr 1844 wird für uns gelesen von Gabi Sutter, deren Stil durchaus in die beschriebene Zeit passt, als man noch Zylinder und frau noch Korsett trug.
  • "Verschlossene Weihnachtstüren" (Eduard von Keyserling) 23.12.2025 24min
    Zugegeben: Die Frauenfiguren in dieser Geschichte wirken auf den ersten Blick recht naiv. Auf den zweiten ist die Lage allerdings anders, wie so oft in der Literatur. Denn es sind eben die drei weiblichen Figuren, die ihren jeweils eigenen Weg gehen, mit Kurt, mit Alfred, mit Oskar – nur eben nicht mit Helmar, dem Baron. Er sucht unentwegt feminine Gesellschaft, ständig aus „auf die Gegenwart einer schönen Frau“. Und in der Geschichte scheinen ja auch sämtliche Türen zu den Frauen anfangs geöffnet, denn sie mögen und loben ihn für seine klugen, bedeutenden Worte. Eine sammelt seine Aussprüche in einem Buch, der anderen wird gar „schwindelig“ und sie fühlt sich „glücklich“, wenn sie Helmar zuhört. Oha! Das Sprechen wird früh in dieser Erzählung an körperliches Empfinden gekoppelt, Sprache wirkt wie an Erotik gebunden, zumindest in der Wahrnehmung des Barons –  zugleich an Ambivalenz und Verzicht. Denn Helmar muss bei seinem ersten Weihnachtsbesuch Helenes Haus verlassen (er stört den Ehemann), bei seinem zweiten Verenas Zuhause, weil sie mit Alfred Weihnachten feiern möchte, ihrem neuen Verlobten – das seien halt „so Familienereignisse“, sagt sie. Den zweimal Abgelehnten, Ausgeschlossenen erfüllt nun „nur ohnmächtiger Zorn gegen all die großen Worte, die er zwischen sich und diesem schönen Mädchen (Verena) aufgetürmt hatte und die ihm den einfachen, geraden Weg versperrten, den der gute Alfred gegangen war“. Dies ist eine für die Erzählung selbst zentrale Aussage! Dem Baron wird denn auch bewusst, wie alleinstehend er ist. Selbst sein Diener ist an diesem Weihnachtsabend bei seiner Freundin samt Familie – eine Vorstellung, die Helmar anfänglich noch amüsiert hatte. Doch da ist ja noch die blonde Marie, die in der Weinstube. „Keiner würde dort seine großen Worte zitieren“, glaubt er. „Das war es, wonach er sich sehnte.“ Doch auch bei Marie kann er nicht bleiben. Da ist wieder ein anderer. Wenig später, am Ende der Geschichte, sitzt Helmar „trübselig“ am Tisch, allein mit seinem Wein. Eduard von Keyserlings extrem eindrucksvolle Geschichte rund um das Frau/Mann-Verhältnis in aristokratischen und bürgerlichen Kreisen, um Sprache, Genuss, Erotik, Begehren, aber auch um Überheblichkeit, Arroganz und den Wunsch nach Gemeinschaft wirkt so eindrucksvoll, weil sie in ihrer diskreten, immer dezent bleibenden Sprache exakt das offenbart und gewissermaßen widerspiegelt, was der Hauptfigur im Weg steht zum eigenen Glück. Die Erzählung bleibt in jenem Diskurs, den sie ihrem Protagonisten zuschreibt. Große Kunst! Und was für ein Titel: „Verschlossene Weihnachtstüren“! Dieser starke Text erschien zuerst im Jahr 1907 und wird hier gelesen von Volker Drüke.
  • "Das Erbe" (Virginia Woolf) 06.12.2025
    Kein Hinweis. Keine Ahnung. Keine Idee. Nichts spürte Gilbert Clandon von der nahenden Katastrophe. Und die raste längst auf ihn zu. Beschäftigt in politischen Kreisen der Londoner „upper class“, also stets mit scheinbar wichtigen gesellschaftlichen Treffen und Entscheidungen befasst, bemerkte er nicht, was im Privaten ablief. Angela, seine Frau, liebte einen anderen. Solange sie lebte, hatte er davon nichts gewusst. Und nun? Ihre Tagebücher geben nach ihrem Tod Auskunft über ihr Leben. Doch auch in diesen Aufzeichnungen bleibt vieles uneindeutig. Als hätte sie befürchtet, dass er sie irgendwann lesen würde, hatte Angela unklar geschrieben, offenbar immer die Gefahr des Entdeckt-Werdens spürend. „Wer ist B.M.?“ wird zu Gilberts Zentralfrage nach der Lektüre der Schriften. Zwei weitere, die sich dem Leser und der Hörerin schon früh aufdrängen, lauten: War es Suizid? Und: Was hat B.M. mit Angelas möglichem Freitod zu tun? Die mehrbändigen Tagebücher und ihr Inhalt sind die einzigen Erbstücke, die Angela ihrem Mann hinterlässt. Ein schweres, ein bitteres Erbe. Zugleich ist nirgends in dieser Erzählung so etwas wie Bewertung oder Parteinahme zu lesen. Das liegt ihm ganz fern. Leserinnen und Hörer gleiten gleichsam in Gilberts Gedankenwelt (er hat ja überlebt), werden dann aber auch Zeugen einer alternativen Sichtweise. Virginia Woolf gelingt somit etwas, das selten in der Literatur gelingt: Sie stellt die Perspektive der anderen, verstorbenen Figur – Angela – gewissermaßen gleichberechtigt dar. Die gesamte Darstellung bleibt im literarischen Sinne gerecht, ausgewogen. Eine wohltuende Art der poetischen Balance, die auch inhaltlich ihre Funktion hat. Denn Gilbert erfährt durch die Lektüre der Tagebücher Wesentliches über seine Frau – das Ende ihrer Zuneigung zu ihm, die Annäherung an einen anderen Mann. Und wir erfahren von Angelas Wünschen, ihrer Sehnsucht nach engem zwischenmenschlichen Kontakt – von Gefühlen, die Gilbert auch im Zuge des Lesens noch nicht zu reflektieren imstande ist. Vielschichtig ist das Ganze – auch politisch, weltanschaulich. „Das Erbe“ stammt aus dem Jahr 1940, ist zweifellos eine der stärksten Erzählungen von Virginia Woolf und wird hier in der Übersetzung von Brigitte Walitzek gelesen und uns ganz nahe gebracht von Annette Hoppe.
  • "Das Erbe" (Virginia Woolf) 02.12.2025
    Kein Hinweis. Keine Ahnung. Keine Idee. Nichts spürte Gilbert Clandon von der nahenden Katastrophe. Und die raste längst auf ihn zu. Beschäftigt in politischen Kreisen der Londoner „upper class“, also stets mit scheinbar wichtigen gesellschaftlichen Treffen und Entscheidungen befasst, bemerkte er nicht, was im Privaten ablief. Angela, seine Frau, liebte einen anderen. Solange sie lebte, hatte er davon nichts gewusst. Und nun? Ihre Tagebücher geben nach ihrem Tod Auskunft über ihr Leben. Doch auch in diesen Aufzeichnungen bleibt vieles uneindeutig. Als hätte sie befürchtet, dass er sie irgendwann lesen würde, hatte Angela unklar geschrieben, offenbar immer die Gefahr des Entdeckt-Werdens spürend. „Wer ist B.M.?“ wird zu Gilberts Zentralfrage nach der Lektüre der Schriften. Zwei weitere, die sich dem Leser und der Hörerin schon früh aufdrängen, lauten: War es Suizid? Und: Was hat B.M. mit Angelas möglichem Freitod zu tun? Die mehrbändigen Tagebücher und ihr Inhalt sind die einzigen Erbstücke, die Angela ihrem Mann hinterlässt. Ein schweres, ein bitteres Erbe. Zugleich ist nirgends in dieser Erzählung so etwas wie Bewertung oder Parteinahme zu lesen. Das liegt ihm ganz fern. Leserinnen und Hörer gleiten zunächst gleichsam in Gilberts Gedankenwelt (er hat ja überlebt), werden dann aber auch Zeugen einer alternativen Sichtweise. Virginia Woolf gelingt somit etwas, das selten in der Literatur gelingt: Sie stellt die Perspektive der anderen, verstorbenen Figur – Angela – gewissermaßen gleichberechtigt dar. Die gesamte Darstellung bleibt im literarischen Sinne gerecht, ausgewogen. Eine wohltuende Art der poetischen Balance, die auch inhaltlich ihre Funktion hat. Denn Gilbert erfährt durch die Lektüre der Tagebücher Wesentliches über seine Frau – das Ende ihrer Zuneigung zu ihm, die Annäherung an einen anderen Mann. Und wir erfahren von Angelas Gefühlen und Wünschen, die Gilbert auch im Zuge des Lesens noch nicht zu reflektieren imstande ist. Wir hören sehr deutlich von seiner Empathielosigkeit, seinem mangelnden Interesse für andere und Angelas Sehnsucht nach engem zwischenmenschlichen Kontakt und Nähe. Vielschichtig ist das im Text dargestellte, vergangene Geschehen – auch politisch, weltanschaulich. „Das Erbe“ stammt aus dem Jahr 1940, ist zweifellos einer der stärksten Texte von Virginia Woolf und wird hier in der Übersetzung von Brigitte Walitzek gelesen und uns ganz nahe gebracht von Annette Hoppe.
  • "Der Kuss" (Anton Tschechow) 18.11.2025 43min
    Eine Gesellschaft, ein Empfang. Offiziere, ein General, auch Frauen sind da. Eine Fliederfarbene, eine Blonde ... Es wird getanzt, Kognak wird gereicht. Und offenbar fühlen sich all die zunächst als müde beschriebenen Gäste in dem aristokratischen Herrenhaus wohl, angeregt. Der schüchterne Rjabowitsch jedoch, der mit dem „Luchsbackenbart“ (schon früh spielen Bärte in dieser Erzählung eine Rolle), wirkt wie überfordert von all dem. Und verlässt den erotisierten Ort, schaut anderen beim Billard zu, fühlt sich dann aber auch dort deplatziert, verirrt sich in all den Gemächern und landet in einem dunklen Raum. „Na endlich ...“, hört er eine Frauenstimme sagen, begleitet von Duft, schlanken Armen, die sich aus dem raschelnden Kleid um ihn schlingen, und zarter, warmer Haut. Alle Sinne werden aktiviert, nur das Sehen fehlt. Und dann ... der titelgebende Kuss! Anschließend ein Schrei der Dame, zu ihrem Entsetzen wurde ihr die Fehlhandlung klar – spätestens wohl, als sie den Luchsbackenbart spürte. Von wem auch immer der Kuss stammte, er bezaubert Rjabowitsch, der – wie es heißt – noch nie eine anständige Frau um die Taille gefasst hatte. Möglicherweise unanständige. Das wissen wir nicht. Doch eins ist klar: Die Küsserin war nicht nur anständig, sie war natürlich auch hinreißend. War es etwa das „fliederfarbene Fräulein“, das ihm so gefiel? Oder doch die Blonde? Rjabowitsch macht Zukunftspläne, die eine Frau einschließen, die er nicht kennt. Dass all seine Wunschideen unrealistisch bleiben, lässt Tschechow ihn einige Zeit später am Flussufer spüren, und er stellt dies auf symbolische Weise dar. „Hier“, schreibt der Germanist Peter von Matt, „haben die jungen Frauen gebadet, wahrscheinlich auch die eine, die ihn im Dunkeln küsste.“ Und das raue, kalte Badetuch, das er am Steg berührt? „Dies ist das genaue Gegenteil zu den weichen, warmen Armen, die sich ihm an jenem Abend um den Hals legten. So wie damals Haut und Nerven früher auf das Ereignis reagierten als sein langsames Gehirn, ist es auch jetzt die fühlende Hand, die ihm die Botschaft sendet: Mit dem Glück ist es nichts, und alles ist aus! Die Literatur denkt in Szenen.“ Und in Symbolen. – Anton Tschechows berühmte Erzählung rund um das Spüren erschien 1887 und wird hier gelesen von Thomas Gehringer.
  • "Ein Besuch im Bergwerk" (Franz Kafka) 04.11.2025 7min
    Ach, Kafka! Was ist das denn schon wieder für ein Meisterstück!? Arbeiterliteratur der anderen Art? Ging es in jener der 1960er- und 70er-Jahre stets um die harte Realität der werktätigen Bevölkerung, machst du das alles natürlich ganz anders. Obwohl hier, in „Ein Besuch im Bergwerk“, anfangs, im ersten Satz, alles noch seine Ordnung hat. Die Hierarchie eines Bergwerk-Unternehmens vergangener Tage wird zwar unauffällig, doch klar dargestellt. Im zweiten geht es noch eine Hierarchiestufe höher, erwähnt werden eben nicht – wie zuvor – die Ingenieure der Zwischenstufe und die Stollenarbeiter auf der buchstäblich untersten Ebene, sondern die Direktoren. Doch dann wirbelt der scheinbar unscheinbare Text gewohnte Ordnungen und Kategorien durcheinander und wird so zu einer ästhetischen Sensation. Denn es ist offenbar einer der Arbeiter, der hier erzählt, der alle Bergwerksbesucher aus der Ingenieur-Ebene präzise beschreibt, deren Verbindungen und Abhängigkeitsverhältnisse scharf beleuchtet und Vermutungen darüber anstellt, wer in welcher Beziehung zu wieder anderen steht, welche Funktion dieser oder jener auf den höheren Etagen möglicherweise auszuüben pflegt – und das mit einem Selbstverständnis, das wir angesichts der hierarchischen Verhältnisse nicht vermuten würden. Der wohl jüngste Mitarbeiter schiebe, so lesen wir, „eine Art Kinderwagen, in welchem die Messapparate liegen“, vor sich her, so kostbar, dass sie „tief in zarteste Watte eingelegt“ sind. Der Wagenschieber kenne die Funktion der Geräte nicht, ein anderer aber verstehe „offenbar die Apparate von Grund aus und scheint ihr eigentlicher Verwahrer zu sein. Von Zeit zu Zeit nimmt er (...) einen Bestandteil der Apparate heraus, blickt hindurch, schraubt auf oder zu, schüttelt und beklopft, hält ans Ohr und horcht“. Und dann ist da noch der unbeschäftigte Diener, der jenen Hochmut, den die Herren Ingenieure längst abgelegt haben, „in sich aufgesammelt zu haben“ scheint. Und so weiter. Auf diesem Sprachniveau wird hier erzählt. So souverän, so gekonnt, so komisch im eigentlichen Sinne werden Miniatur-Porträts der Gäste geboten. Dies ist also keine Arbeiterliteratur, es geht nicht um das Werken unten im Stollen – es geht um die ungewohnten Gäste dort. All die Beschreibungen des erzählenden Arbeiters – oder sollten wir besser sagen: des arbeitenden Erzählers? – sind verfasst in einer sehr eigenen, einer deutlich literarischen Sprache, mit dosiert und präzise eingesetztem Humor und gewagten Querverbindungsideen bezüglich der Figuren, welche die Gäste ja nun geworden sind. Um so selbstbewusst erzählen zu können, muss ein Geschichtenerzähler schon sehr geübt sein. Er tarnt sich hier als dokumentarisch schreibender, berichterstattender Bergmann – so, als wäre er gar nicht der Schriftsteller, der er aber nun einmal eindeutig ist: ein moderner literarischer Erzähler im Gewand des Stollenarbeiters oder im Arbeitsanzug des Bergwerkers, jedenfalls einer, der im falschen Kostüm steckt. Womit wir natürlich, liebe Leserinnen und Leser dieser Zeilen, beim wirklichen Autor und seiner Lebenssituation sind, beim dichtenden Versicherungsangestellten in Prag. Doch das ist eine ganz andere, biographische Geschichte. Die, die wir heute mit großer Überzeugung und Begeisterung präsentieren, ist ein aus den Tiefen der Erde bzw. Literaturgeschichte geborgener Erzählschatz, zuerst im Jahr 1920 erschienen und mehr als 100 Jahre später vorgelesen von Volker Drüke.
  • "Der Auftrag" (Honoré de Balzac) 21.10.2025 40min
    Als Leserin und Hörer sollten wir misstrauisch sein, wenn in einem literarischen Werk von einer „wahren Geschichte“ die Rede ist. Denn Dichter heißen ja so, weil sie ein Geschehen – ob wirklich stattgefunden oder frei erfunden – zu verdichten und auch zu erdichten wissen. Wertvolle künstlerische Texte sind alles andere als etwa Abbildung dessen, was allgemein Wirklichkeit, Wahrheit oder Realität genannt wird, auch wenn in unseren Tagen überall in der westlichen Welt Autofiktionen, Memoirs usw. veröffentlicht werden. In der andersartigen Literatur, also jener Kunst des Erzählens, in der auch gewöhnliche Ereignisse zu aufregenden Geschichten gestaltet werden, wird höchstens so getan, als hätte sich das Dargestellte tatsächlich ereignet. So auch in „Der Auftrag“ von Honoré de Balzac. Mitten im Todeskampf, so hören wir, wird ein adeliger Mann „von dem Gedanken an den Schrecken gepeinigt, der seiner Geliebten eingejagt werden würde, wenn sie seinen Tod plötzlich aus der Zeitung erführe“. Ein Zeichen der Liebe, der Zuneigung, der Rücksichtnahme, vor allem, wenn wir bedenken, dass sich dies im Kopf eines Sterbenden abspielt, in der finalen Zeit, in der ein gewisser Egoismus ja durchaus verständlich wäre. Doch hier ist es anders. Und so wird der Begleiter des Sterbenden zum Kurier seiner Botschaft an die Geliebte. Der Überlebende erzählt davon, wie er sein Ziel zu erreichen, seinen Auftrag zu erfüllen versucht und welche Emotionen diesen Weg begleiten. Er wird dadurch zum Erzähler. Und er wird vor landadeliger Kulisse zu einem äußerst diplomatischen Handeln gezwungen. Denn die Frau ist verheiratet! Der Bote wird Zeuge extrem unterschiedlicher Reaktionen auf die Nachricht. Diese und die „Geheimnisse dieser Ehe“ kennenzulernen, ist auch fast 200 Jahre nach dem Erscheinungsjahr der Geschichte noch immer bewegend. Sie war Teil des großen Balzac-Erzählprojekts „La Comédie humaine“ (Die menschliche Komödie) und erschien zuerst im Jahr 1836.
  • "Drei Wünsche" (Johann Peter Hebel) 07.10.2025 7min
    Es liegt nahe, hier zu schreiben: Heute geht es um die Wurst! Das stimmt zwar, ist aber doch zu albern. Daher nochmal von vorne: Es war einmal eine Zeit, in der das Wünschen noch geholfen hat (frei nach Peter Handke). Oder doch nicht? Doch nur im Märchen? Johann Peter Hebel jedenfalls war ein Pfarrer und Autor in der romantischen Märchenzeit und schrieb volkstümliche Geschichten, die er 1811 in einem Bauernkalender versammelte. Darin veröffentlichte er u.a. „Drei Wünsche“, einen Text, der zu einem Klassiker wurde und in dem es eben ums Wünschen geht. Zugleich spielt ein wirklich sehr gewöhnliches, literarisch aber ungewöhnliches Objekt eine bedeutende Rolle: die Bratwurst – ob mit Senf, ist nicht übermittelt (Ketchup gab’s im deutschsprachigen Kulturraum noch nicht). Und dann ist da noch ein Feenbesuch – der ist entscheidend. Das Ehepaar, das die Fee trifft, hat drei Wünsche frei und acht Tage Zeit, sich was zu überlegen. Das macht die beiden  nervös, sie sprechen und handeln nun erst recht unbedacht. Bald geht es nur noch um die Wurst, die Bratwurst halt, die schließlich wie ein „Husarenschnauzbart“ unter der Nase der Frau hängt. Aus dem Plan einer möglicherweise zukunftsweisenden Wunscherfüllung wird nichts. Nichts als eine Bratwurst, die mal da ist, mal dort und schließlich wieder weg. Kalendergeschichten waren in längst vergangenen Zeiten durchaus in Mode und wichtig zur „Volkserziehung“. Literatur als Lehrmeisterin. So war das einmal. Und wer weiß? Vielleicht hat das Wünschen ja wirklich mal geholfen. In diesem kleinen Werk lässt es die Protagonisten jedenfalls ratlos zurück. Es liest Volker Drüke.
  • "Henry und Eliza" (Jane Austen) 23.09.2025 15min
    Die Literatur bietet Autorinnen und Autoren ein Feld für Ideen, Vorstellungen, Phantasien, die so wild oder verrückt und außergewöhnlich sein können, dass sie sie eben nur dort, auf diesem Feld, artikulieren können. Gerade in jungen Jahren wird gerne etwas ausprobiert, und das auch von Schriftstellerinnen, von denen die Leserschaft das überhaupt nicht erwarten würde. So hat Jane Austen in ihrem Frühwerk Texte geschrieben, die man/frau ihr nicht zugetraut hätte. So porträtiert sie in „Henry und Eliza“ eine Frau und beschreibt ihre Sozialisation in einer unerhörten Geschwindigkeit. Und immer wieder geschieht Eliza etwas Ungeheuerliches, was wohl auch mit ihr selbst zusammenhängt. Denn Eliza ist ein wundersames Wesen. Scheinbar ein Findelkind – das wird am Ende der Erzählung infrage gestellt –, kann sie bereits mit gerade mal drei Monaten sprechen. Und wird aufgenommen von englischen Adeligen – das ist ja mal ein sozialer Aufstieg! Doch sie passt nicht so ganz in die neue Umgebung, sie stiehlt – und wird vertrieben, und nun beginnt Elizas eigentlicher Aufbruch in die Welt, mit märchenhaften Zufällen und Auf- und Abstiegen, wie wir sie von Entwicklungsromanen kennen, die Jane Austen in späteren Jahren ja auch schrieb, mit denen sie berühmt wurde. Doch hier, in dieser Erzählung, geht alles extrem schnell. Szene folgt auf Szene, und manche ist deftig, derb und komisch im buchstäblichen Sinne. Etwa wenn Eliza bemerkt, dass ihre Kinder Hunger leiden, und dies „an dem Umstand, dass (sie) zwei ihrer Finger abbissen“! Das erinnert aus heutiger Sicht an Splatter-Szenen in Filmen, die erst 200 Jahre später entstanden. Jedenfalls geht das Ganze gut aus, Eliza kehrt zurück in die aristokratischen Gefilde. Und Henry, der Vater ihrer Kinder und im Titel immerhin an erster Stelle genannt? Ist da längst verstorben. Eliza aber, Eliza geht ihren Weg. Jane Austen hatte einen großen Einfluss auf die europäische Erzählliteratur im 19. Jahrhundert, insbesondere in Großbritannien, und schrieb diese Erzählung als junge Frau im Jahr 1790. Die Übersetzung von Melanie Walz liest für uns Monika Drüke, und das auf eine Weise, welche die unwahrscheinlichsten Fügungen wie selbstverständlich wirken lassen.

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