Podcast - Deutsch

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Martin Burckhardt
Land Tyskland
Sprog DE
Episoder 94
Seneste 02.06.2026

Dieser Podcast präsentiert Buchkapitel, die zu Audiostücken geworden sind, und wird auch Gespräche mit anderen Autoren enthalten. Die Episoden basieren auf Texten von Martin Burckhardt, die er auf Substack veröffentlicht.

Episoder

  • Im Gespräch mit Raphael M. Bonelli 02.06.2026 48min
    Lässt man sich auf die Gegenwart ein, kommt man nicht umhin, eine Form der allgemeinen Kopflosigkeit zu diagnostizieren (die der Psychoanalytiker Sam Vaknin mit der wunderbaren Bemerkung quittiert hat, er sei ein Zeitgenosse Shakespeares). Und weil die Verwirrung Programm ist (fair is foul and foul is fair), war dies ein Grund, mit dem Wiener Psychiater Raphael M. Bonelli ins Gespräch zu treten, der für die Gegenwart eine Art Thanatos-Trieb diagnostiziert und seiner Diagnose den Buchtitel „Kopflos“ gegeben hat. Nun ist Bonelli alles andere als ein zeitvergessener Kulturkritiker, sondern, als Bewohner der Aufmerksamkeitsökonomie, ein Zeitgenosse, der einen höchst erfolgreichen YouTube-Kanal initiiert hat. Mag sein, dass ihn dies für bestimmte Phänomene der Gegenwart – vom digitalen Geschwindigkeitsrausch bis zum moralischen Großspurigkeitstumor – sensibilisiert hat, so wie er auch in Gestalt seiner Patienten eine Zeitenwende feststellt. Letztlich aber überrascht Bonelli, als tiefer Optimist, mit einem DDR-Vergleich: Wie dort nach 70 Jahren die Wahrheit durchbrach, werde auch unsere Vernunft wieder siegen.Raphael M. Bonelli, der seine Karriere als Neurowissenschaftler begonnen hat (und zur Arzneimitteltherapie von Chorea Huntington publiziert hat), ist seit geraumer Zeit als Psychiater und systemischer Therapeut in Wien tätig. Neben der Arbeit mit seinen Patienten hat er die Zeit gefunden, seine Gedanken in höchst erfolgreichen Büchern niederzulegen.Raphael M. Bonelli hat u.a. veröffentlichtThemenverwandt Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe
  • Im Gespräch mit ... Thilo Bode 03.05.2026 1t 40min
    Es gibt eine eigentümliche Ironie in der Geschichte der Umweltbewegung: Ausgerechnet jene, die einst mit spektakulären Aktionen die Industrie zum Zittern brachten, haben sich in den vergangenen Jahrzehnten zu braven Verwaltern des Status quo gewandelt. Thilo Bode, der als Greenpeace-Chef FCKW-freie Kühlschränke gegen den erbitterten Widerstand der Konzerne durchsetzte, zieht eine schonungslose Bilanz – und spart dabei nicht an Selbstkritik. Wenn einer, der sein halbes Leben dem Aktivismus gewidmet hat, zum Widerstand aufruft, stellt sich unweigerlich die Frage: Widerstand gegen wen eigentlich – gegen die Industrie, gegen die Politik, oder gegen die eigene Bewegung?Thilo Bode, der mit seinem vielbeachteten Buch Resist! Aufruf zum Widerstand soetwas wie eine politische Autobiographie vorgelegt hat, schaut darin auf ein Leben zurück, das ihm, von exponierter Stelle aus, einen tiefen Blick in die Verhältnisse erlaubt hat. Als junger Mann in der Entwicklungshilfe tätig, wurde er nach einem Intermezzo bei einem Mittelständler der Stahlindustrie zum Geschäftsführer von Greenpeace Deutschland, von 1995 bis 2001 zum CEO von Greenpeace International. 2001 gründete er die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch und war bis zu seinem Ausscheiden Ende 2021 deren Internationaler Direktor.Thilo Bode hat veröffentlichtThemenverwandt Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe
  • Im Gespräch mit ... Eva Ladipo 25.04.2026 53min
    Wenn junge Männer in Scharen zu Protestparteien strömen, liegt der Reflex nahe, von Verführung zu sprechen, von bösen Einflüsterern und Filterblasen. Doch was, wenn der Befund schlichter ist – und unbequemer? Eva Ladipo hat in ihrem Buch-Essay »Not am Mann« eine Bestandsaufnahme gewagt, die im kulturellen Klima der Gegenwart fast schon als Provokation gilt: Sie schaut hin, wo andere lieber wegschauen. Anstatt in der Entrüstung der moralischen Ökonomie zu baden, nimmt sie die Verschiebungen der politischen Ökonomie in den Blick – und hält dabei fest, dass vor allem der Wandel der Industriegesellschaft das Bild des Mannes – als Ernäher der Familie – ins Wanken gebracht hat. Insofern ist ihr Essay weniger ein Manifest als eine Diagnose – über verschwundene Helden, umgedeutete Begriffe und die sonderbare Tatsache, dass der Begriff der „toxischen Männlichkeit”, der einst ein therapeutisches Konzept für traumatisierte Männer darstellte, im Gefolge von MeToo zum Kampfbegriff geworden ist. Oder wie Eva Ladipo schreibt: »Es ist ein lässiger, geradezu schicker Männerhass entstanden.« Und weil sich das juste milieu in der modischen Misandrie ergeht, nimmt es nicht wunder, dass der moderne Mann, wie der Vorsitzende der Grünen, nur mit einem Akt der Selbstgeißelung moralische Pluspunkte einheimsen kann.Eva Ladipo ist Journalistin und Autorin. Sie hat zwei Romane und ein Sachbuch veröffentlicht und publiziert regelmäßig in deutschen Zeitungen. Als Journalistin arbeitete sie als Redakteurin, Korrespondentin und Ressortleiterin bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Financial Times Deutschland, Vanity Fair, Financial Times und Die Welt.Eva Ladipo hat veröffentlichtThemenverwandt Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe
  • Im Gespräch mit ... Jörg Baberowski 06.04.2026 1t 25min
    Dass der Populismus ein Gespenst sei, das die Demokratie heimgesucht habe, gehört zu den Glaubenssätzen unserer Zeit – als handle es sich um eine Krankheit, die man mit den richtigen Therapien kurieren könne. Doch was, wenn dieses Gespenst gar kein Eindringling ist, sondern ein Familienmitglied? Der Historiker Jörg Baberowski hat sich in die Abgründe des Begriffs begeben und dabei eine unbequeme Entdeckung gemacht: nämlich dass der Gegensatz von »denen da oben« und »uns hier unten« keine Verfallserscheinung, sondern geradezu ein Leitmotiv moderner Gesellschaften ist. Schon Heinrich Heine hat in seinem Wintermärchen die wunderbare Bemerkung gemacht, dass diejenigen, die das ideologische Eiapopeia vom Himmel singen, damit vor allem bestrebt sind, das Volk, den großen Lümmel ruhig zu stellen. Oder wie Baberowski schreibt: Der Populismus [ist] der immerwährende Schatten der Volkssouveränität. Und weil dies so ist, sind die Fronten keineswegs klar, sondern ist man, um so vertraut anmutende Begriffe wie Demokratie oder Repräsentation wirklich zu begreifen, zu einem Gang in die Geistesgeschichte genötigt. Genau dies ist der Gegenstand unseres Gesprächs: eine geistige Anatomie des Repräsentationsbegriffs und der Versuch, sich über seine zunehmende Dysfunktionalität Klarheit zu verschaffen.Jörg Baberowski ist ein deutscher Historiker und Gewaltforscher. Er ist seit 2002 Professor für Geschichte Osteuropas an der Humboldt-Universität zu Berlin. Baberowski hat sich auf die Geschichte der Sowjetunion und des stalinistischen Terrors spezialisiert.Jörg Baberowski hat u.a. veröffentlichtThemenverwandt Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe
  • Im Gespräch mit ... Bernd Raffelhüschen 30.01.2026 1t 7min
    Wenn die letzten Dekaden eine Veränderung des Zeitgeistes mit sich gebracht haben, könnte man von einem regelrechten Siegeszug der moralischen Ökonomie sprechen. Und selbige zeichnet sich durch eine penetrante Demonstration der eignen Rechtschaffenheit aus, einen Gestus moralischer Überheblichkeit. Der Magier Harry Houdini hat das damit einhergehende Dilemma in eine wunderbare Formel übersetzt: Wenn der Wunsch der Vater des Gedankens ist, so ist er die Mutter der Sinnestäuschung. Dies vor Augen, ist es nicht bloß hilfreich, sondern höchst erhellend, sich mit einem Ökonomen zu unterhalten, der sich den Wirrungen des Zeitgeistes stets widersetzt hat – und stattdessen dem Werkzeugkasten der Ökonomie gefolgt ist. Dabei ist der Ausgangspunkt Bernd Raffelhüschens zutiefst in der Geschichte der sozialen Marktwirtschaft beheimatet, ergänzt um den Nachhaltigkeitsgedanken, der sich einer jugendlichen Öko-Begeisterung verdankte. In diesem Sinn ist es kein Zufall, dass unser Gespräch wie selbstverständlich auf eine Gestalt wie Hans von Carlowitz eingehe kannn, der im frühen 18. Jahrhundert ein Traktakt mit dem Titel Haußwirtschaftliche Nachricht und Naturgemäße Anweisung zur Wilden Baum-Zucht vorgelegt hat. Dass die Frage, wie eine nachhaltige Fiskalpolitik aussehen kann, heutzutage auf politisches Ressentiment stoßen kann, ja, nachgerade skandalträchtig anmutet, ist mithin eine Merkwürdigkeit ersten Ranges. Gleichwohl haben die Studien, die Bernd Raffelhüschen seit den 80er Jahren zu Fragen des Rentensystems, der Staatsverschuldung und der Migration vorgelegt hat, für beträchtliches Aufsehen gesorgt – und ihm das Attribut eines Marktradikalen eingebracht, was so gar nicht zu seiner nüchternen Argumentationsweise passen will.Bernd Raffelhüschen, der nach einer Ausbildung in den USA als Wirtschaftswissenschaftler in Norwegen und Freiburg gelehrt hat, ist einer der bekanntesten Finanzwissenschaftler Deutschlands.Bernd Raffelhüschen hat u.a. puibliziert:Themenverwandt Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe
  • Vom Schlaf der Vernunft 28.01.2026 38min
    im Rahmen der internationalen Studienwoche an der Hochschule LuzernSehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren,Sie hören’s schon an der Anrede: Ich gehöre einer untergehenden Welt an. Tatsächlich ist das ein Thema, das mich seit langer, langer Zeit begleitet – und wenn Sie sich in dieser Studienwoche mit der »Frage der sozialen Arbeit angesichts antidemokratischer Gesellschaftstendenzen« beschäftigen, dann sehen wir, dass eine dunkle Woke über uns heraufgezogen ist, aber es gibt kaum jemanden, der plausibel erklären kann, warum das eigentlich passiert ist. Dieses große Warum zu erhellen und der Frage nach den Gründen für das grassierende Unbehagen in unserer Kultur nachzugehen, wäre die Aufgabe – denn ist die Krankheit unbekannt, sieht’s mit der Behandlung doch eher schlecht aus. Da laboriert man halt an den Symptomen… Also: Warum? Und was ist da eigentlich passiert? Von Goya gibt es einen wunderbaren Bildtitel, nämlich: »Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer«. Wenn wir das für einen Moment einmal, als gedankliche Hypothese, stehenlassen, dann wäre abzuleiten, dass sich unsere derzeitigen Kalamitäten auf einen Schlaf der Vernunft zurückführen lassen. Das führt uns gleich zu einem weiteren großen Psychologen, Nietzsche nämlich, der den wunderbaren Gedanken notiert hat: »Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.« Das ist, wie ich denke, eine präzise Beschreibung unserer heutigen politischen Diskurse. Denn wenn Sie sich umschauen, dann sehen Sie, ob links oder rechts, lauter Menschen, die sich an irgendwelchen Ungeheuern festhalten – und die sich dabei selbst, ganz unversehens, dem annähern, was sie da eigentlich bekämpfen wollen. Man könnte das, mit Hans Magnus Enzensberger, einen »molekularen Bürgerkrieg« nennen – in jedem Fall haben wir es mit einem Verlust an Zivilität zu tun, den ich in meinem ganzen, nicht mehr ganz jungen Leben so zuvor nicht habe feststellen können. Aber ich will mich hier gar nicht mit Details aufhalten, sondern möchte gleich ins abgründige Thema hineinspringen: Was ist passiert? Oder genauer: Was haben wir eigentlich verschlafen? Wenn wir das so nehmen, wird die Geschichte plötzlich interessant. Denn es stellt sich die Frage, ob die Erzählung, die wir als Wirklichkeit ausgeben, überhaupt noch Relevanz besitzt – und Sie mit lebbaren, praxistüchtigen Handlungsoptionen ausstattet. Hier schon setzt mein erster Zweifel an. Denn wenn Sie einen Zeitgenossen, genauer: einen Intellektuellen fragen, wie er sich unsere Welt in 10, 20 Jahren wohl ausmalen wird, wird er Ihnen entgegnen, dass er schön froh wäre, wenn er das nächste Jahr überblickte. Ein Beispiel: ich habe vor nicht allzulanger Zeit, im Rahmen eines Symposions zur Zukunft der Bildung, vor gut 100 Bildungsphilosophen einen Vortrag gehalten – und das Bemerkenswerte war: ich war der einzige, der eine positive Vision entworfen hat – wohingegen die Titel der anderen Vortragenden lauteten: Die Zukunft schrumpft, oder ärger noch: Wer hat mir meine Zukunft gestohlen? Ruft man sich ins Gedächtnis, dass die Aufgabe des Bildungsphilosophen darin bestünde, sich über der Lernen der Zukunft im Klaren zu sein, ist das Schrumpfen der Aufmerksamkeitsspanne auf die reine Gegenwart, ärger noch, das Abgleiten ins Ressentiment, fast grotesk – kann eine jede Rede darüber nur wortreiche Maskierung einer Unterlassungssünde sein. Diese Gedankenblockade artikuliert sich als Lähmung, so als wachte man gerade aus einem Alptraum auf. Ja, es scheint geradezu, als ob viele Menschen die Gegenwart überhaupt als eine Art Alptraum auffassten – was ein Philosoph auf die paradoxe Formel gebracht, nämlich, dass es einfacher sei, sich das Ende der Welt vorzustellen, als das Ende des Kapitalismus. So betrachtet erscheint die Apokalypse, das Ende der Welt, wie eine Wunschvorstellung ist – der Wunsch, dass dieser Alptraum, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint, endlich ein Ende haben möge.Aber ich will mich gar nicht lange mit Spekulationen aufhalten. Ich würde behaupten, dass der tiefste Grund für unser Unbehagen die Erschütterung ist, die mit der digitalen Kultur einhergeht – und weil ich einige Bücher zur Philosophie und zur Kulturgeschichte der Maschine geschrieben habe, bin ich mir deutlich bewusst, dass unseren Eliten noch nicht einmal in Ansätzen klar ist, was ihnen da widerfahren ist. Dies nebenbei ist der Grund, warum die Grundsätze, die man Ihnen in der Schule hat beibringen wollen, keine wirkliche Vorbereitung sind für das, was Ihnen in den nächsten Jahren bevorstehen wird. Wenn wir uns vor Augen halten, dass die KI einen nicht geringen Teil unserer White Collar Jobs überflüssig machen, genauer: sie in den Arbeitsspeicher, ins Museum der Arbeit überführen wird, ist klar, dass plötzlich große Teile unserer Gesellschaft mit einer höchst realen Entwertungsdrohung konfrontiert sind. Und das ist nicht einmal ein ferner Zukunftsprospekt, sondern widerfährt Ihnen schon jetzt. Wenn der Professor, dem Sie eine Bachelor- oder Master-Arbeit vorlegen, diese nicht liest, weil er ohnehin davon überzeugt ist, dass sie mit ChatGPT verfasst worden ist, stellt sich die Frage, ob die Zeugnisse, die man Ihnen am Ende aushändigt, noch das Papier wert sind, auf das sie gedruckt sind – was, wenn Sie wie in Amerika üblich, mit zweihunderttausend Dollar Schulden aus Studiengebühren dastehen, eine durchaus existenzielle Frage sein kann. Lassen Sie mich dazu eine kleine Geschichte erzählen, die deutlich macht, dass nicht einmal diejenigen, die sich unsere schöne, vernetzte Welt ausgedacht haben, sich über die Konsequenzen im Klaren waren. Die Geschichte handelt von Robert Metcalfe, der unsere Computerwelt mit dem Ethernet bestückt hat – also der materiellen Voraussetzung dessen, was sich dann später in Gestalt des Internets realisiert hat. Metcalfe ist im übrigen auch dafür verantwortlich, was wir den Netzwerkeffekt nennen, oder je nachdem, scalability, Skalierbarkeit. Dem wohnt, was den meisten Menschen nicht klar ist, durchaus eine politische Dimension inne. Nicht wahr, wenn Sie sich die Welt Ihrer Eltern, die Welt der Repräsentation in Erinnerung rufen, da gab es soetwas wie eine top-down-Logik – one-to-many, und da gab es die Eliten, die sich als Wächter des guten Geschmacks usw. betätigt haben. In unserer vernetzten Welt gelten diese Regeln nicht mehr. Denn nunmehr kann jedermann sich nach Belieben artikulieren und – nicht selten hinter einer digitalen Tarnkappe versteckt – die wildesten Dinge in die Welt hinausposaunen. Man nennt das, je nachdem, ein bottom-up oder dezentrales Kommunikationssystem - und das ist die Welt, in die Sie als digital natives hineingeboren sind. Aber was ist hier, neben der Tatsache, dass wir es mit einer totalen, doch eigentlich begrüßenswerten Demokratisierung der Öffentlichkeit zu haben, das Neue? Gehen wir’s systematisch an. Wenn ich mich mit einem anderen Menschen vernetze – dann verfügen wir beide, er und ich, über genau eine Verbindung. Stellen wir uns nun vor, es käme ein Dritter hinzu, hätten wir genau drei Verbindungen. Bei Vieren wären es 6, bei 5 Personen 10 Verbindungen. Tatsächlich können wir das mathematisch formalisieren: Wir nehmen die Anzahl der Verbindungen – sagen wir hundert - und multiplizieren dies mit x-1, das wären also 100*99 = 9900 – und wenn wir das durch 2 teilen, haben wir die genaue Zahl von Verbindungen vor uns, die in diesem Netzwerk möglich sind, nämlich 4450. Das klingt noch nicht sonderlich beeindruckend, aber wenn Sie eine Stadt wie Luzern nehmen, die 85.534 Einwohner zählt, dann ergibt dies grob 3 Milliarden 658 Millionen Verbindungen. Vergleichen Sie das mit der alten Welt. Wenn Sie die Auflage der Luzerner Zeitung nehmen, die früher einmal Waldstädterbote hieß, haben Sie 98.000 Verbindungen – und diese Zahl nimmt sich, verglichen mit 3,7 Milliarden potenzieller Luzerner Kommunikationbsverbindungen geradezu lächerlich aus. In jedem Fall sehen wir uns einem Medienbruch gegenüber, einer medialen Disruption. Lassen Sie uns für einen Moment vorstellen, die Stadt Luzern hätte nun einen veritablen Influencer-Star, der nicht bloß (wie Leon Isek) Kissenschlachten für einen TikTok-Ruhm organisiert, sondern allen Luzernern am Herzen läge, so sehr, dass jeder seinen Account subskribiert hätte – dann hätte dieser Account mit seinen potenziell 3,7 Milliarden Verbindungen ein unglaubliches Gewicht. Und dieses geht schwerlich mit dem Gleichheitsgrundsatz der Demokratie, der Logik des One Man One Vote zusammen. Ich bin ziemlich sicher, auch wenn Ihnen der Netzwerkeffekt und die Formel dahinter unbekannt, so wissen Sie allesamt, wovon ich rede. Wenn ein großer Prozentsatz Ihrer Generation, nach dem Berufswunsch gefragt, erklärt, man wolle Influencer werden, so haben Sie diese Logik, nein, nicht mit der Muttermilch, sondern über Ihr Smartphone-Display in sich aufgenommen. Zurück aber jetzt zu Robert Metcalfe, der dies technisch möglich gemacht hat. Der war, als er die Computer vernetzen wollte, das war um 1971 herum, ein junger Mann von gerade 25 Jahren - und er arbeitete in einem Computerlabor des Kopiermaschinenherstellers Xerox in Palo Alto. Außer ihm waren da eine ganze Reihe anderer Computernerds präsent: da waren die beide Adobe Gründer Warnock und Geschke, da war der Ur-Programmierer des Word-Textverarbeitungsprogramms Charles Simonyi usw. Man hätte sich also durchaus vorstellen können, dass all diese Computernerds begeistert, ja, geradezu enthusiasmiert auf die Möglichkeit, sich lokal zu vernetzen, reagiert hätten. Aber das war keineswegs der Fall. Im Gegenteil: Man unternahm alles, um dem bedauernswerten Robert Metcalfe das Leben schwer zu machen. Und warum? Was war der Grund für diese Animosität? Auch das ist nicht schwer zu beantworten. Stellen Sie sich einmal vor, Sie hätten da in Palo Alto gesessen und hätten die letzten Monate, wie Charles Simonyi, an einem Textverarbeitungsprogramm herumprogrammiert. Was passiert nun wohl, wenn man Ihren Computer mit dem Ihres Tischnachbarn vernetzt. Nunmehr kann der, wann immer ihm danach ist, in Ihren Computer eindringen und sich ganz nach Belieben die Frucht Ihrer langen, ermüdenden Arbeit auf seine Maschine herunterladen. Genau dies hat jeden der Mitarbeiter verschreckt, so sehr, dass niemand wirklich auf die Vernetzung der Computer erpicht war. Bis zu einem gewissen Grade kann man diese Reserviertheit durchaus verstehen, haben wir es nun doch, nach dem Jäger und Sammler, mit dem postmodernen Copy-Paster zu tun – einem Spezimen, das als solches noch nicht wirklich erforscht worden ist. Die Folgen dieser Praxis sind mit den Händen zu greifen. Denn mit dem Akt des Copy-Pasting ist die Vorstellung einer individuell zuschreibbaren Leistung dispensiert, und dies stellt eine tiefe Krise unseres Wertesystems dar, eine Krise, die bis heute noch nicht in unser Bewusstsein vorgedrungen ist. Gleichwohl: Robert Metcalfe konnte sich in Xerox Park durchsetzen – und urplötzlich waren all diese Nerds miteinander vernetzt. Und weil sie sich bald miteinander auszutauschen begannen, sich Emails zu schreiben z.B. - das @-Zeichen entspringt diesem Umfeld –, waren sie in kurzer Zeit allesamt miteinander vernetzt. Was der große Triumph des Robert Metcalfe war – denn als das Netz einmal ausfiel, standen kaum fünf Minuten später die ganzen Mitarbeiter in seinem Büro und fragten: Wo bleibt das Netz?Wenn man sich mit der Geschichte der Digitalisierung beschäftigt, entwickelt man im Laufe der Zeit einen wirklich grundfremden Blick – denn man sieht, dass ein jedermann, auch wenn er sich all der neuen Techniken bedient, noch immer alten, nicht mehr ganz realitätstüchtigen Vorstellungen anhängt. Bildlich gesprochen, könnte man sagen, dass es sich die Gesellschaft in einem ideologischen Heimatmuseum bequem gemacht hat. Dies fällt auch deswegen so leicht, weil man nicht bloß einen Copy-Paste auslösen kann, sondern über das Netz alle erdenklichen Dinge in die eigenen vier Wände gestreamt bekommt. Was das Paradies der Konsumenten sein mag, ist für all diejenigen, die sich ihren Platz in der Welt erarbeiten müssen, eine fast unüberwindliche Schwierigkeit – denn all die Dinge, die man dereinst für wertvoll gehalten hat, haben in den letzten Dekaden eine schleichende Entwertung erlebt. Der britisch-amerikanische Ökonom Angus Deaton hat sich vor Jahren schon mit der Entwertung der Arbeit beschäftiggt – und inwiefern diese mit der Opioid-Krise zusammenhängt. Sein Buch Deaths by Despear beschreibt eine post-industrielle Welt, die den Verlust ihres Selbstwertgefühl nur mit der Hilfe von Drogen sedieren kann, und am Ende in eine regelrechte Selbstzerstörungsorgie einmündet. Dass dies nicht bloß das Schicksal der Proletarier ist, sondern der Vorschein einer grundlegenden, die ganze Gesellschaft betreffenden Krise, wird evident, wenn Sie sich die Grundformel der digitalen Welt vor Augen führen, die George Boole, der Gründervater der binären Logik, in seinen Laws of Thought im Jahr 1854 niedergelegt hat. Sonderbar ist daran, dass diese Formel, obwohl ein jeder Programmierer mit seinen Booleans arbeitet, als solche weitgehend unbekannt ist – deswegen also eine kurze Einführung. Wenn Sie eine Null mit sich selbst multiplizieren, kommt, wie sie in de Schule gelernt haben, immer Null heraus, und das gleiche gilt auch für die Eins: das Ergebnis ist immer Eins. Diese Besonderheit gilt nur für diese beiden Königszahlen der Mathematik, wie Erwin Schrödinger die Null und die Eins genannt hat – und aus diesem Grund konnte Boole sich anschicken, die ganze Welt, und nicht nur die Welt der Zahlen, auf diese Ordnung zurückzuführen. Die Folgen sind uns vertraut: Was immer elektrifiziert werden kann, lässt sich digitalisieren und ist damit dieser Ordnung einverleibt. Im Grunde ist es egal, worum es sich handelt; das mögen die Geo-Positionsdaten eines Wals sein, aber ebenso die Wisch-und-Web-Bewegung, mit der sie auf Tinder die unerwünschten Partner aussortieren: Name it! Und weil Boole bestrebt war, den Repräsentanten aus der Mathematik zu entfernen, hat er sich nun daran gesetzt und das Gemeinsame der Null und der Eins herauspräpariert. Lassen Sie uns die Null und die Eins durch ein x ersetzen, dann steht auf der anderen Seite: xn (also das Ding, das sich nach Belieben vervielfältigen lässt) – und dies wiederum ergibt die Formel: x= xn. Ich muss gestehen, dass ich, als ich diese Formel zum ersten Mal zu Gesicht bekommen haben, von einem heillosen Erschrecken heimgesucht worden bin. Denn das ist nichts anderes als eine Proliferationsdrohung – oder noch präziser gesagt: die Logik der totalen Entwertung. Denn ein Gut, das sich nach Belieben vervielfältigen lässt, können Sie nicht mehr verkaufen – und genau dies haben die Popmusiker, als sie mit Napster konfrontiert waren, leidvoll erlebt. Wenn ich eben davon gesprochen haben, dass dem Digitalisierungsprozess ein Elektrifizierungsprozess vorausgeht, dann besagt dies, dass sie nicht mehr mit der trägen Masse, sondern mit Elektronen hantieren. Und dies bedeutet, dass ein Kopierprozess in Lichtgeschwindigkeit abläuft – und dass die Elektrizität nur Sekundenbruchteile braucht, um ganze Kontinente zu überwinden. Könnte man dies in schöner Doppeldeutigkeit die Entfernung der Welt nennen, hat man es in der Praxis mit einem Kopierprozess zu tun, der in Lichtgeschwindigkeit läuft und die Artefakte in Sekundenbruchteilen ans andere Ende der Welt teleportiert: Anything, Anytime, Anytime.Jetzt fragen Sie sich wahrscheinlich schon eine ganze Weile, was dies mit der Gefährdung unserer Demokratie – oder der Zukunft der sozialen Arbeit zu tun hat. Ich würde sagen: unendlich viel. Wenn ich meinerseits, in der Konfrontation mit den Booleschen Gedanken, aber auch über die Arbeit im Tonstudio, beim Filmen und beim Programmieren, nicht mehr vom Individuum spreche, sondern vom Dividuum, also demjenigen, der sich an seiner Teilung und seinem Mitteilungsdrang erhält, so ist dies nichts als die Feststellung, dass die überkommenen Identitäten das Zeitliche gesegnet haben. Nicht, dass sie falsch, unnütz oder moralisch fragwürdig gewesen wäre – aber unser Betriebssystem hat sich gewandelt und damit auch unser Gesellschaftskostüm. Hier nähern wir uns einer Einsicht, die nicht sonderlich verbreitet ist. Wenn Sie den Tugendkanon nehmen, den man unsereins eingebläut hat, sieht man, dass bestimmte Tugenden (Pünktlichkeit, Taktgefühl) sich dem Umgang mit einer Maschine verdanken, der Mechanischen Uhr, dem Räderwerkautomaten des Mittelalters. Selbst die Aufführungen unserer Symphonieorchester, ja, dass Zusammenspiel all der Instrumentalisten, die einer streng durchgetakteten Partitur folgen, ist ein Ausfluss dieser Ordnung – und blieb jenen Weltgegenden, die dieser Ordnung nicht ausgesetzt waren, unbekannt. Von daher wäre es höchst verwunderlich, wenn die Arbeit mit der neuen, digitalen Maschine sich nicht auch in unserem Selbstverständnis niederschlagen sollte. Aber ist das wirklich geschehen? Haben wir soetwas wie ein neues Persönlichkeitsmodell für unsere digital natives geschaffen? Nein, das Gegenteil ist geschehen! Anstatt sich der veränderten Weltlage anzupassen, hat man sich allerorten in einem geistigen Heimatmuseum eingerichtet. Man zieht die Kostüme der Vergangenheit über, verbarrikadiert sich in dieser oder jener Identitätsfestung, und skandiert ein Great Again! Oscar Wilde hat diese Maßnahme als eine Form des Ausverkaufs erfasst: A sentimentalist, so sagt er, is simply one who desires to have the luxury of an emotion without paying for it. Ein Gefühlsmensch, das ist jemand, der den Luxus einer großen Emotion haben möchte, ohne den Preis dafür entrichten zu wollen. - Eine Identität zum Schnäppchenpreis, wenn sie so wollen. In eine solche Rüstung gezwängt, glaubt man sich die unangenehmen Realitäten vom Leibe halten zu können. Aber weil man selbst nicht so dran glauben will, ist man genötigt, ein Ungeheuer herbei zu imaginieren. Auf eine kuriose Weise ist das eine Wiederauflage des Don Quixote de la Mancha, der gegen die Windmühlen anritt, weil er glaubte, gegen Riesen antreten zu müssen – nur dass unsere Zeitgenossen nicht gegen Windmühlen anreiten, sondern gegen die Lichtgeschwindigkeit der Elektronen ankämpfen, vulgo Computerchips. Man mag diesem Kampf das heroische Etikett einer digitalen Souveränität anheften, de facto jedoch ist jeder Kombattant, wie Don Quixote, zum Scheitern verurteilt. Warum? Weil wir’s hier mit dem Betriebssystem unserer Welt zu tun haben – und ein solches hat man nicht im Griff wie man einen Hammer im Griff hat. Das wird schon sichtbar daran, dass die Zeitgenossen, welche mit der Reklamation einer digitalen Souveränität die Zahlung des Einkaufspreises verweigern, überall dort, wo sie als Konsumenten agieren, diese Welt mit größter Selbstverständlichkeit, ja mit Begeisterung akzeptieren. Das führt in eine merkwürdig schizophrene Gesellschaftsverfassung hinein – denn da will, wie es in der Bibel heißt, die Linke nicht sehen, was die Rechte so tut. Diese Schizophrenie lässt sich allerorten beobachten – und ich fürchte, dass es vor allem der Umgang mit dieser Spaltung ist, von dem die Gefährdung unserer Demokratie ausgeht. Die Frage ist: Wie geht man um mit den Widersprüchen, die sich im eigenen Denken auftun? Schauen wir uns um, ist der Mechanismus unendlich simpel. Denn ist man nicht bereit, der eigenen Widersprüchlichkeit ins Auge zu schauen, wird man alles tun, um den Widerspruch selbst mundtot zu machen – und genau das ist der Drive, der unsere Cancel Culture antreibt. In gewisser Hinsicht beantwortet dieser Mechanismus die Frage, die das Matthäus-Evangelium aufwirft: Wie kommt es, dass du den Splitter im Auge deines Bruders siehst, aber den Balken in deinem eigenen Auge nicht bemerkst? Wo die Frage der Identität auf dem Spiel steht (die bereits, wie Oscar Wilde bemerkt hat, eine Anmaßung ist), gibt es nichts Bedrohlicheres als die Einsicht, dass man derlei nur deswegen beschwört, weil sie schon nicht mehr existiert. Fundamentalismus, so habe ich andernorts gesagt, entsteht überall dort, wo die Fundamente ins Rutschen geraten sind. Wenn der Kampf gegen Hass und Hetze, gegen den metaphysischen Nazi unterdes zu einem Volkssport geworden ist, mit dem sich Geld verdienen lässt, wenn Meldeportale aufblühen, bei denen die Denunziation von Mitbürgern auf der Tagesordnung steht – und wenn andererseits sich eine Schärfe und Unversöhnlichkeit in die Debatten einmischt, die einen zivilisierten Dialog unmöglich macht, dann sind all dies Symptome einer langsamen Dekomposition, eines gesellschaftlichen Zerfalls. Tatsächlich ist es unleugbar, dass wir es mit antidemokratischen Gesellschaftstendenzen zu tun haben, aber die größte Gefahr, so fürchte ich, besteht darin, dass man, anstatt der eigenen Widersprüchlichkeit ins Auge zu sehen, sich ins Identitäre hineinflüchtet. Ganz nebenbei, da wir schon die Demokratie auf dem Prüfstand haben, wäre es schon hilfreich, sich an ihre Anfänge zu erinnern. So sagt Herodot, der die Hochzeit der griechischen Polis, also der Demokratie erlebt hat, dass nicht das Mehrheitsprinzip ihr vornehmstes Kennzeichen ist, sondern dass alle Menschen gleich sind vor dem Gesetz – was bei den Griechen isonomia hieß. Dieses Moment der isonomia aber wird in dem Moment dispensiert, wo dem Satz: Alle Tiere sind gleich – die Einschränkung folgt: Aber manche sind gleicher als die anderen. Damit ist nicht bloß der Gleichheitsgrundsatz der Demokratie außer Kraft gesetzt, sondern derjenige, der sich hier Sonderrechte anmaßt, mag sich einreden, dass das Gesetzt nicht ist, was über ihm steht. Insofern wäre es schon hilfreich, sich den Anfang der Demokratie, nämlich die Herrschaft des Gesetzes, vor Augen zu führen. Sie beginnt in dem Augenblick, wo Drakon – also der mit den drakonischen Maßnahmen – die Gesetze auf Holztafeln schreiben lässt. Denn dies läuft daraus hinaus, dass auch der Inhaber der Macht dem Gesetz, genauer: der Schrift untertan ist. Genau aus diesem Grund erweist sich der Begriff der digitalen Souveränität als eigentlich undemokratisch – denn urplötzlich wollen (nicht selten digital nicht sonderlich alphabetisierte) Einzelpersonen darüber befinden, was Sache ist und was nicht, res publica. Wie absurd das ist, wird ihnen aufgehen, wenn wir der digitalen Souveränität die alphabetische oder die mechanische Souveränität an die Seite stellen – denn niemand, der halbwegs bei Sinnen ist, käme auf diesen Gedanken.Die digitale Ordnung ist, ob wir das wollen oder nicht, unser gemeinsames Schicksal: res publica. Jetzt könnten Sie, die Schreckgestalt der Künstlichen Intelligenz vor Augen, einwenden, das dies eine wirklich gruselige Zukunftsperspektive ist. Ich würde darauf entgegen, dass dies nur deswegen gruselig ist, weil wir darauf insistieren, mit den Mitteln der Vergangenheit der Zukunft zu begegnen zu können – und uns darüber in den ärgsten Widersprüchen verheddern. Und weil man sich nur ungern dabei ertappen lässt, versucht man den Widerspruch mundtot zu machen und ergeht sich im Schlaf der Vernunft, oder ärger noch: man imaginiert jene Ungeheuer herbei, denen wir uns dann schlussendlich selbst annähern. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein. Meinerseits würde ich der eigenen Widersprüchlichkeit ins Auge blicken wollen. Nun ist dies alles andere als eine Nabelbeschau, denn es hier darum, sich über das materielle Triebwerk unserer Welt im Klaren zu sein – und sein eigenes Handeln darauf zu befragen, ob man wirklich auf der Höhe der Zeit agiert. Und da ist man plötzlich – das ist das Wesen der digitalen Erschütterung, der wir uns gegenübersehen – mit der Möglichkeit konfrontiert, dass die Identitäten und Gewissheiten von ehedem das Zeitliche gesegnet haben, dass die Welt sich zur terra incognita zurückverwandelt hat. Rainer Maria Rilke hat das in seinem Malte Laurids Brigge ganz wunderbar erfasst. Da stellt er die Frage:Ist es möglich, denkt es, daß man noch nichts Wirkliches und Wichtiges gesehen, erkannt und gesagt hat? Ist es möglich, daß man Jahrtausende Zeit gehabt hat, zu schauen, nachzudenken und aufzuzeichnen, und daß man die Jahrtausende hat vergehen lassen wie eine Schulpause, in der man sein Butterbrot ißt und einen Apfel?Das ist, so denke ich, die Situation, der Sie sich gegenübersehen, wenn Sie die Frage der sozialen Arbeit wirklich ernst nehmen wollen. Die Empfehlungen der Altvorderen, der Boomer-Generation, werden Ihnen nicht weiterhelfen, so wenig, wie das Gebaren eines Don Quixote nachahmenswert ist. Mögen die gutversorgten Rentner sich darum nicht weiter bekümmern, so ist das Eingeständnis ihres geistigen Bankrottes doch überfällig. Wenn dies nicht geschieht, so deswegen, weil die Privilegien der Vergangenheit in klingenden Münze bezahlt werden, wohingegen das Neue, Unerprobte wenig Fürsprecher hat. Ich will Sie nicht mit Märchenerzählungen langweilen, also etwas ganz Praktisches. Es hat sich unterdessen herumgesprochen, dass unser Bildungssystem in einem katastrophalen Zustand ist, ja nachgerade: unreformierbar. Man kann jetzt herumschreien, Brandbriefe schreiben und Ausschau nach Sündenböcken halten, aber das wird, solange es keine wirklichen Konsequenzen gibt, den Missstand nicht ändern. Die Frage aber ist: Was würde wohl passieren, wenn man neben jeder alten Schule eine neue aufmacht, in der man den Lehrern Freiheit gibt, ganz unabhängig von Lehrplänen und der verwalteten Welt, ihren Unterricht frei zu gestalten? Damit täten sich ganz neue und wunderbare Handlungsoptionen auf, ein Freiheitsraum, der, weil Sie selbst ihn gestalten, die Möglichkeit gibt, Erfahrungen zu machen. Denn nur die Erfahrung, die wirklich erlebt worden ist, trägt zur Geistesgegenwart bei. Ich habe diesen Konflikt zwischen der alten und der neuen Welt am eigenen Leib erlebt. Ich war ein junger Autor und wollte dicke, voluminöse Bücher schreiben, wie Thomas Mann das getan hat, während ich andererseits, weil ich lange das Klavierspiel exerziert hatte, mit der Idee spielte, komponieren zu wollen. Gleichwohl war mir doch, als ich entschied, vom Schreiben leben zu wollen, sehr bald schon bewusst, dass die Idee des Autors, der als Originalgenie die Welt erklärt, kein probates Lebensmodell mehr ist. Und dann stand ich irgendwann, weil ich mich dem Hörspiel zugewandt hatte (aus ökonomischen Gründen, denn von irgendwas muss der Hungerkünstler ja leben) im Tonstudio eines Musikers von Tangerine Dream, mit dem ich dann über Jahre zusammengearbeitet habe – und begriff, dass jeder Sound, der sich digitalisieren lässt, zu einem Musikinstrument sich verwandelt, ja, dass die ganze Welt ein einziges Musikinstrument darstellt. Das war eine wahrhaft beglückende Erfahrung – auch wenn ich mich gefragt habe, warum ich, wenn man mit einem kleinen Slider das Anschlagstempo des Keyboards in aberwitzige Höhen herauftunen kann, mich jahrelang mit Fingerübungen, Tonleitern und Czernys Schule der Geläufigkeit herumgeschlagen habe. Kurzum: Da war auf der einen Seite eines tiefes Entwertungsgefühl – die Entwertung der Virtuosität –, auf der anderen Seite ein unendlicher Gewinn, die Möglichkeit, in eine Welt der Klänge eintauchen zu wollen. Und dieser Gewinn – die offene Zukunft – wog viel mehr als die Zwangsjacke einer überkommenen Welt. Und genau da begann auch mein Einstieg in die Theorie – wollte ich verstehen, was es mit der Welt der Computer auf sich hat. Eine Einsicht war: In der Virtualität ist der Virtuose passé – ebenso wie der Großliterat vom Schlage eines Thomas Mann kein Lebensmodell mehr sein kann. In diesem Kontext stelle ich gerne zwei Zitate gegeneinander, über die sich das Schisma zwischen alter und neuen Welt, Repräsentation und Simulation verdeutlichen lässt. Das erste Zitat geht auf einen Wissenschaftsphilosophen zurück, Nicholas Murray Butler, der die gedankliche Engführung der Virtuosität und der Spezialisierung wunderbar auf den Begriff gebracht hat. Ein Experte, so lautet das Zitat, ist jemand, der immer mehr über immer weniger weiß, bis er alles über nichts weiß. Ich denke, Sie kennen den Typus, das ist der Fachidiot, dem man eingeredet hat, dass man, um beruflich reüssieren zu können, sich spezialisieren muss. Das andere Zitat, das eine ganze andere Welt, ja, eine neue Denkweise eröffnet, stammt von Samuel Beckett – und man könnte es als das Motto dieser neuen terra incognita auffassen: I tried, I failed, I tried again, I failed better. Was man erlernen muss – und her würde ich die soziale Arbeit der Zukunft sehen -, ist nichts Geringeres als eine Kunst des Scheiterns.Mit dieser Maxime im Gepäck können wir dem Begriff der sozialen Arbeit eine neue Bedeutung verleihen. Wenn die AI alle erdenklichen repetitiven Arbeiten erledigt, haben sich viele hochspezialisierte Arbeiten von selber erledigt. Wenn ein Jurist, der 2000 Dollar für eine Stunde einfordert, nichts anderes tut, als vorgefertigte Textbausteine aneinanderzukleben, dann wird diese Tätigkeit recht bald schon von einer künstlichen Intelligenz übernommen. Mehrwert, so hat Marx einmal höchst treffend gesagt, schafft nur der Mensch – und von daher könnten Sie sich schon einmal beglückwünschen, haben Sie sich doch einen Sektor herausgesucht, in dem die Rationalisierungsdrohung der Künstlichen Intelligenz erst spät, wenn überhaupt ankommen wird. Was Marx, der seinen Mehrwertsatz über die Gegenüberstellung von Mensch und Maschine formuliert hat, vergessen hat zu erwähnen: ein Mensch, der eine Arbeit tut, welche eine Maschine nicht zu leisten imstande ist. Denn nur das, was eine Maschine nicht zu leisten vermag, wird als Mehrwert gelten – und dementsprechend entgolten. Wenn wir uns dies vor Augen halten, so bekommt der Begriff der sozialen Arbeit eine neue, unverhoffte Bedeutung. Denn es hieße nichts anderes, als dass man den Menschen, als homo digitalis, in seiner ganzen Widersprüchlichkeit zur Kenntnis nehmen muss. Und umgekehrt wäre es höchst fahrlässig, wenn man diese Widersprüche verleugnet und behauptet, man hätte als wahres, authentisches Wesen mit alledem nichts zu tun. Und so sind wir, sind Sie doch wieder in die Welt der Booleschen Gleichung hinübergerutscht – oder genauer: mit der Frage konfrontiert, wie man unsere Widersprüchlichkeiten auflösen kann, wie man unsere Gegenwart, unsere Institutionen intelligenter und menschenfreundlicher noch zu gestalten vermag. Und ich fürchte, dass die Modelle der Vergangenheit nicht nur nicht hilfreich, sondern eher schädlich sein werden. Das Persönlichkeitsbild, was sich mit dem Dividuum und der Kunst des Scheitern auftut, ist der Generalist, der bestrebt ist, die verschiedensten Aktivität in ein Sinngefüge zu übersetzen, Praktiken, die dem eigenen Leben, aber auch dem der Nächsten und Fernsten zugute kommen. Ist es das, was wir unter sozialer Arbeit verstehen, muss man sich davor hüten, den anderen zu instrumentalisieren, ihn zum Rad im Getriebe herabzuwürdigen. Aber am Gefährlichsten wohl sind die Ungeheuer der Vergangenheit. Wenn wir uns vor Augen halten, dass die Künstliche Intelligenz Bilder von ungeheurer Perfektion in die Welt entlässt, ja, dass nicht wenige Menschen sich Schönheitsoperationen unterziehen, um dem eigenen Profilbild ähnlich zu sehen – dann ist die digitale Alphabetisierung tatsächlich ein Überlebensprinzip. Denn wenn Sie sich darüber bewusst sind, dass man hier mit Phantasien operiert, laufen sie nicht Gefahr, die Phantasie für bare Münze zu nehmen. Wie schädlich, ja wie verletzend es ist, an der Perfektion gemessen zu werden, werden Sie wohl – als body shaming – am eigenen Leibe erlebt habt. Und wenn man in den sozialen Medien, 24/7, der Bewertung der anderen ausgesetzt ist, so geht dies nicht nur mit einem ungeheuren Konformitätsdruck einher, sondern ist Quelle einer nichtendenwollenden Depression. Vieles, was wir heute als demokratiegefährdend erachten, ist ein Ausfluss dieser Panoptikumslogik – der Zwang, dem eigenen Image, genauer: einer nicht einlösbaren Perfektion entsprechen zu müssen. Wenn Sie sich klar darüber werden, dass die Identität ein Gefängnis ist – und dass das Dividuum, die Kunst des Scheitern den Ausweg bereitstellt, dann wird man sich nicht mehr dem Ressentiment und antidemokratischen Gesellschaftstendenzen hingeben, sondern allein dem Gelingen.In diesem Sinnein gutes Gelingenund vielen Dank für Ihre AufmerksamkeitThemenverwandt Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe
  • Im Gespräch mit ... Carsten Lotz 19.01.2026 1t 46min
    Weil es sich auch unter historischen Materialisten herumgesprochen hat, dass der Kapitalismus nicht auf einer Weltverschwörung, sondern auf einem Glaubenssystem beruht, fand ich die Gelegenheit, mit einem studierten Theologen, der in die Welt von McKinsey hinübergewechselt ist, über Gott und die Welt, nein, über Gott und das Geld zu sprechen, überaus reizvoll. Denn mit dieser Weitung der Perspektive versehen, lassen sich Fragen in den Blick nehmen, die nicht bloß die Genealogie unseres kapitalistischen Betriebssystems berühren, sondern zutiefst mit den Erschütterungen der Gegenwart zu tun haben: dem Glauben an die monetäre Verrechenbarkeit alles menschlichen Tuns. Und weil Carsten Lotz sich nicht bloß auf die Narrative der Ökonomie kapriziert, sondern, neben seinem theologischen Wissen auch die postmoderne Philosophie aufgesogen hat, haben wir uns ohne große Mühe in die Katakomben des ökonomischen Denkens hineinbegeben können – z.B. wie und warum die Ökonomen zu Zauberlehrlingen ihrer eigenen Welterklärungsmodelle haben werden und sich über die Zahlen- und Statistikgläubigkeit in die eigene Tasche haben lügen können. Damit aber sind Fragen berührt, die in unserer Ökonomie überlebenswichtig sind, umsomehr, als die Disruptionen, die uns mit den Fortschritten der Künstlichen Intelligenz ins Haus stehen, eine neue Wirtschaftskrise ahnen lassen. In diesem Sinn wäre das neoliberale Versprechen »It’s the economy, stupid« nicht als Abschluss aller Diskussion zu begreifen, sondern als Ausgangsfrage, ein Rätsel, das es erst noch zu entziffern gilt. Carsten Lotz, der als studierter Theologe den Weg in die Welt von McKinsey gefunden und über viele Jahre als Berater gearbeitet hat, hat mit seinem Buch Wirtschaft als erste Philosophie den Weg in die Selbstständigkeit gefunden. Neben seiner Arbeit als Autor und Berater hält er im Studiengang Master of Management Vorlesungen an der Universität Mannheim.Carsten Lotz hat veröffentlichtThemenverwandt Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe
  • Im Gespräch mit ... Pero Mićić 09.11.2025 1t 1min
    Es ist absehbar, dass die Computerkultur eine tiefe Erschütterung unserer Arbeitswelt darstellt, ja, dass vieles, was uns derzeit als wertvolle Arbeitsleistung erscheint, im Museum der Arbeit verschwinden wird. Schon ist dies ein Grund, sich eingehend mit der Thematik zu beschäftigen. Dass hierzulande vor allem die Skepsis vorherrscht, mag einer gewissen, urdeutschen Risikoaversion zuzuschreiben sein, aber dass auch im Silicon Valley sich eine Art Doomstalk etabliert hat, verrät, dass sich die Disruption der Künstlichen Intelligenz in die Folge jener großen kulturellen Demütigungen einreiht, über die Freud schon in seinem „Unbehagen in der Kultur“ geschrieben hat. Wie aber sieht die Zukunft aus, wenn man sich nicht mit der Beschwörung von dystopischen oder utopischen Zukunfstbildern, mit Fluch und Segen aufhalten möchte? Dass mein Blick hier auf Pero Mićić gefallen ist, hat damit zu tun, dass man es hier mit jemandem zu tun hat, der sich nicht bloß theoretisch, sondern höchst praktisch mit diesen Fragen beschäftigt, sei es als Investor in diversen Startups, als Autor und Redner – oder als Hochschulprofessor, der seine Studenten in Foresight and Strategy unterrichtet. Tatsächlich versteht sich Mićić, auch wenn er Gründungsmitglied der US-amerikanischen Association of Professional Futurists ist, nicht als Futurologe, sondern als Zukunftsmanager, d.h. als jemand, der, von den Annahmen ausgehend, die wir über unsere Technologie haben, sich mit der praktischen Gestaltung der Zukunft befasst.Pero Mićić ist als Zukunftsmanager, Investor, Redner und Buchautor tätig. Nebenher lehrt er an der Steinbeis-Hochschule Berlin.Pero Mićić hat (u.a.) veröffentlichtThemenverwandt Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe
  • Im Gespräch mit ... Carl von Siemens 08.10.2025 57min
    Manchmal hält das Leben wirkliche Überraschungen bereit – und diese sind umso denkwürdiger, je weniger man im vorhinein darüber nachgedacht hat. So wie ich, als ich bei einer Tagung die Gelegenheit hatte, am ersten Yoga-Kurs meines Lebens teilzunehmen– nur um ein paar Tage später, auf dem Rückflug nach Berlin, einen Essay zu lesen, der davon erzählte, dass ein Teil der berühmten Yoga-Stellungen nicht auf die Weisheit Indiens und eine Geschichte von fünftausend Jahren zurückgehen, sondern auf das dänische Ollerup. Und unversehens ist man damit in einem Städtchen von 1.2000 Menschen gelandet, wo in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts der dänische Erzieher Niels Bukh, ein bekennender Nationalsozialist, eine Gymnastikschule aufmachte, in der, mit deutlich homoerotischem Einschlag, junge Männer ihrem körperlichen Selbstertüchtigungsbegehren freien, nein, überaus kontrollierten Lauf lassen konnten. Und weil man im fraglichen Essay über den Satz stolpert: »Nicht Europa hatte während der Kolonialzeiten die Weisheit Indiens entdeckt, sondern: Indien hatte den Westen entdeckt«, gerät man in ein geistiges Spiegelkabinett hinein, wo Begriffe wie Orientalismus, kulturelle Appropriation udgl. keinen Sinn mehr ergeben – wo stattdessen die Neugierde dominiert, was es mit diesem sonderbaren Amalgam aus indischer Weisheit, Ollerupscher Körperbeherrschung und Nationalsozialismus auf sich hat. Abgesehen einmal davon, dass eine solch denkwürdige Mischung die intellektuelle Neugierde auf den Plan ruft, wurde diese Empfindung noch dadurch gesteigert, dass der Name des Verfassers, obgleich in einer englischsprachigen Publikation erschienen, eine deutsche, fast ikonische Prägung auswies: Carl von Siemens. Und weil er ein durchaus bekannter Reiseschriftsteller ist, tauschten wir ein paar Mails miteinander aus und verabredeten uns zu einem Gespräch. Herausgekommen ist eine anregende Unterhaltung, die nicht nur die Geschichte des Niels Bukh erzählt, sondern auch die Frage berührt, was dies mit der Biopolitik Foucaultscher Prägung zu tun haben könnte, und was das Leben der australischen Aborigines Australiens mit der Erfahrung des Techno verbindet.Carl von Siemens ist ein deutscher Schriftsteller und Journalist. Nach einer Ausbildung zum Dr. publ. oec., die den jungen Mann wohl für eine Karriere im Siemens-Konzern präparieren sollte, begeisterte er sich für den Techno, bereiste die Welt und schrieb einige Reisebücher, die er selbst dem Genre der Autofiktion zurechnet. Neben Artikeln für Die Zeit, Die Welt und den Rolling Stone, schrieb er auch für das hochintellektuelle Publikum von Lettre International.Carl von Siemens hat (u.a.) veröffentlichtThemenverwandt Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe
  • Im Gespräch mit ... Philipp Staab 28.09.2025 1t 30min
    Man muss weder Prophet noch Marxist sein, um zu der Diagnose zu gelangen, dass der Kapitalismus seit geraumer Zeit schon an einer Systemkrise leidet – und diese hat nicht unwesentlich mit den Erschütterungen zu tun, die mit der Digitalisierung einhergehen. Wenn der Influencer zur Sehnsuchtsfigur wird, ja, zum Persönlichkeitsmodell, dem die jungen Menschen nacheifern, stellt sich die Frage, ob der Hintern von Kim Kardashian das Maß aller Dinge darstellt und ob die Aufmerksamkeitsökonomie, zuende gedacht, nicht auf das hinausläuft, was Nietzsche die Entwertung der Werte genannt hat. Aber weil uns dies als Trash-Faktor längst zur Alltäglichkeit geworden ist, ist klar, dass ein bloß kulturkritischer Ansatz an der Frage vorbeigehen muss, dass man sich stattdessen den strukturellen Veränderungen zuwenden muss. Genau dies ist ein Grund, sich mit Philipp Staab zu unterhalten, der sich die Frage des Digitalen Kapitalismus vorgenommen hat. Sind die Ökonomen über lange Zeit davon ausgegangen, dass der Mensch auf dem Stern der Knappheit lebt, hat Staab diesen Betrachtungswinkel umgedreht. Denn er fragt sich, wie sich die Ökonomie der Unknappheit auf die Märkte und Herrschaftsverhältnisse auswirkt. Wie lebt es sich in der Überflussgesellschaft, wenn der Preis für all die wunderbaren Annehmlichkeiten darin besteht, dass nicht mehr die Politik, sondern die Tech-Giganten darüber befinden, was Sache ist – und folglich res publica?Philipp Staab ist ein deutscher Soziologe, der am Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt Universität zur Zukunft der Arbeit lehrt und forscht. Zugleich ist er Fellow des Einstein Zentrum Digitale Zukunft.Philipp Staab hat veröffentlichtThemenverwandt Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe
  • Im Gespräch mit ... Franziska Sittig 14.09.2025 52min
    Zweifellos markiert der 7. Oktober eine historische Wasserscheide, haben die öffentlichen Feiern des Hamas-Pogroms doch deutlich gemacht, dass das »Nie-Wieder« der deutschen Erinnerungskultur frommes Wunschdenken ist. Eines der größten Rätsel dabei ist, wie und warum ausgerechnet Universitäten, die im letzten Jahrzehnt sich alle Mühe gegeben haben, sich als safe spaces zu etablieren, zu Horten eines neuen, nicht selten militanten Antisemitismus werden konnten. Dass mein Blick hier auf Franziska Sittig gefallen ist, ist insofern nicht erstaunlich, als sie als Studentin an der Columbia University aus nächster Nähe – und mit großer Verwunderung - hat beobachten können, wie noch am Folgetag studentische Hamas-Unterstützer sich auf dem Campus zusammenrotteten, unterstützt von einigen Mitgliedern der Professorenschar selbst. Und weil sie diese Ereignisse für verschiedene Zeitungen und Magazine aufnotiert hat, haben wir uns zu einem Gespräch darüber zusammengefunden. Als Boomer lernt man durchaus Erstaunliches dabei: dass man heutzutage von Zionazis spricht und auf TikTok Videoshorts zirkulieren, die sich die Leugnung des Holocaust zur Aufgabe gemacht haben. Franziska Sittig ist Collegiate Associate am Manhattan Institute. Sie studierte in Heidelberg und an der Columbia University in New York City. Sie veröffentlichte Beiträge für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, für die Zeit, die Jüdische Allgemeine, Focus Money, Cicero sowie das US-amerikanische City Journal.Franziska Sittig hat veröffentlichtThemenverwandt Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe
  • Im Gespräch mit ... Frank Urbaniok 24.08.2025 1t 10min
    Wohl kein Thema hat die Öffentlichkeit in den letzten Jahren stärker verstört als die Migration, die, im Namen der Menschlichkeit, letztlich in eine Form der inneren Zwietracht, ja, des symbolischen Bürgerkriegs eingemündet ist. Hätte schon die Kölner Silvesternacht die Anhänger der Willkommenskultur lehren können, dass man in Gestalt unzähliger Neubürger durchaus neuartige Probleme gewärtigen muss (wie den Taharrusch dschama'i beispielsweise), war die Verführung, sich dem Rausch des moral grandstanding hinzugeben, doch allzu groß. So groß jedenfalls, dass die classe politique sich kurzerhand weigerte, die selbstgeschaffenen Realitäten zur Kenntnis zu nehmen – während auf der anderen Seite das vielgescholtene „Pack“, in einer verstockten Schweigespirale befangen, sich dem Populismus ergab oder sich damit begnügte, in Leserbriefen das double speak des Einmann zu zergliedern. Die Folgen des gesellschaftlichen Schismas sind allüberall zu besichtigen: Invektiven sind zu einer politischen Währung geworden, während bürgerliche Tugenden in den Hintergrund gerückt sind. In jedem Fall muss der politische Beobachter diagnostizieren, dass der Verlust der äußeren Grenzen die innere Ausgrenzung zur Folge gehabt hat. Dass in dieser noch immer aufgeheizten Debatte mein Blick auf Frank Urbaniok gefallen ist, hat damit zu tun, dass sich hier jemand zu Wort meldet, der, aller xenophoben Neigung unverdächtig, die Entstehung des Problems aus nächster Nähe – und mit professioneller Distanz - hat verfolgen können. Denn als Psychiater, der zuallererst mit persönlichkeitsgestörten Sexualstraftätern beschäftigt war, kann man sich nicht mit der moralischen Verurteilung begnügen, sondern gilt es zuvörderst zu verstehen, was den Betreffenden zu seinem Handeln veranlasst. Dass Urbaniok, der in seiner Eigenschaft als Chefarzt des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes in Zürich, aber auch als Supervisor und Gutachter Tausende von Straftätern kennengelernt hat, sich der Frage der Migration zuwandte, hatte damit zu tun, dass er zunehmend mit Tätern zu tun hatte, deren Handeln eine kulturelle Prägung aufwies. Mehr noch als dies aber frappierte ihn das dröhnende Schweigen seiner Kollegenschar - dass Kriminologen und Migrationsforscher, statt unangenehme Realitäten zur Kenntnis zu nehmen, dem den Schleier des Nichtwissenwollens vorziehen konnten. Genau dies hat ihn veranlasst, ein Buch zu den Schattenseiten der Migration zu verfassen, ein Buch, in das die Erfahrungen eines langen Berufsleben eingeflossen sind.Frank Urbaniok ist ein deutsch-schweizerischer forensischer Psychiater. Er war in den Jahren 1997 bis 2018 Chefarzt des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes des Kantons Zürich. Zudem lehrt er an der Universität Konstanz Forensische Psychiatrie.Themenverwandt Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe
  • In der Traumfabrik 06.08.2025 26min
    Weil man hier einem großes Thema gegenübersteht, das gleichermaßen mit praktischen, ästhetischen und gesellschaftlichen Fragen zu tun hat, sind diese flüchtigen Bemerkungen nur der Auftakt zu einer Reihe weiterer Texte zum TemaSehr geehrte Damen und Herren,ich will Ihnen ein paar Gedanken zu dem sonderbaren Verhältnis darlegen, das unsere Zeitgenossen zur »Künstliche Intelligenz« unterhalten. Und das konfrontiert uns mit dem befremdlichen Umstand, dass dem eine fast religiöse Qualität innezuwohnen scheint – oder weswegen sonst taucht im der Rede darüber reflexhaft das Wortpaar »Fluch und Segen« auf? Damit das, was ich Ihnen jetzt sage, nicht vollständig abgehoben erscheint, lasse ich jetzt einfach ein paar Videoausschnitte nachfolgen, die wir auf dem ex nihilo Blog publiziert haben, im Zusammenspiel mit Dall-E und Google VEO, aber auch einer Software, die ich selber geschrieben habe. Diese Software ist insofern ziemlich ungewöhnlich, als sie klassische Essays, aber auch transkribierte Gespräche in visuelle Metaphern zurückübersetzt. Und weil unser Gehirn, genauer, weil unsere Sprache ein regelrechter Zauberkasten ist, erzeugen diese die verwegensten Bildkompositionen – Dinge, die ein noch so phantasiebegabter Mensch sich kaum einfallen ließe. Lassen Sie mich, während die Bilder an Ihnen vorüberlaufen, die Differenz in Worte fassen. Normalerweise sitzt man vor einem Prompt und sagt dem magischen Spiegel, was man zu sehen wünscht. Hier ist der Prozess ein ganz anderer. Ausgangsbasis ist ein geschriebener Text – oder ein transkribiertes Gespräch. Dann laufen mehrere Schritte ab. Die AI erstellt eine Zusammenfassung – und identifiziert darüber die Grundgedanken des Textes. Diese werden in Wortbilder übersetzt, also in Metaphern – und diese bilden die Bausteine, welche die AI dann in einen Prompt, also in eine Kompositionsanweisung übersetzt. Die Anweisungen werden gespeichert – und dann werden diese Bilder generiert. Die Ausgangsposition ist also nicht die frei flottierende Einbildungskraft, sondern ein mehr oder minder konsistenter Text – der ganz für sich alleine stehen will, ja, in seiner Entstehungsphase nicht einmal diesen Visualisierungsprozess antizipiert hat. Wenn wir den Begriff der Einbildungskraft nehmen, der ja einen unübersehbaren visuellen Einschlag besitzt, könnte man sagen, dass die visuelle Phantasie, auch wenn das Ganze am Ende in eine Form der Bildproduktion einmündet, hier gar keine Rolle spielt. Ausgangspunkt ist ein Gedankengerüst, ein Text, der versucht, den Leser in eine bestimmte Gedankenwelt hinein zu entführen. Das Kuriosum ist nun, dass diese Form der Text- und Gedankenlastigkeit gar keinen Nachteil darstellt. was ihrer Transformation in die Bilderwelt anbelangt. Ganz im Gegenteil: Wenn Walter Benjamin einmal festgehalten hat, dass ein Fotograf manche Dinge festhält, die sich ihm erst später, beim Entwickeln und Betrachten der Fotografie eröffnen – und wenn er dies ein „optisch Unbewusstes“ genannt hat –, so könnte man einen ganz analogen Vorgang hier festhalten. Denn der Autor des Textes wird, indem er erlebt, dass seine Sprachbilder eine Art Eigendynamik annehmen, mit einem „gedanklich Unbewussten“ konfrontiert - und je komplizierter und differenzierter Text ist, desto besser, vor allem überraschender sind die Resultate. Ich muss gestehen, dass mich dieser Prozess absolut fasziniert hat – umsomehr, als man sich hier in der Rolle eines Marcel Duchamp wiederfindet, der nicht mit einem Gebilde der eigenen Phantasie, sondern mit einem ready made konfrontiert ist. Man beschäftigt sich also gar nicht damit, irgendwelche Imaginationen auf den Schirm oder auf die Leinwand zu zaubern – sondern man schaut einfach bloß hin. Und aus diesem Grund besteht die entscheidende Aufgabe nicht in der Bildproduktion, sondern in der Selektion – und da ist man mit der Frage konfrontiert, warum dieses Bild die Phantasie anreizt, jenes aber nicht. Tatsächlich ermangelt es etwa drei Vierteln der resultierenden Bilder an einer solchen Qualität, sie mögen vielleicht ansprechend sein, aber sie berühren den Betrachter einfach nicht (was ja nach Baumgarten die eigentliche Aufgabe der Ästhetik ist, denn aisthesis meint ja ursprünglich berühren und wahrnehmen). Nach gut einem Jahr des Umgangs mit dieser Software muss ich gestehen, dass mich diese Form der Bildproduktion, die ja nachgerade so etwas wie eine Traumerzählung ist, weit mehr beschäftigt als alles, was man sich, wenn man denn vor einem leeren Prompt sitzt, so einfallen lässt. Denn letztlich kommt hier niemals mehr heraus, als was man sich zuvor hat einfallen lassen: garbage in, garbage out – oder wie Goethe das sehr viel eleganter gesagt hat: Man spürt die Absicht und man ist verstimmt.Wenn wir diesen Prozess auf seinen Materialwert abfragen, ist hier eine Umkehrung zu beobachten, die bemerkenswert ist. Wenn wir von Einbildungskraft sprechen, ja, wenn einige überaus verwegene Theoretiker der 90er Jahre sich einen visual turn zurechtgelegt haben, so ist zu sagen, dass die avancierte Bildproduktion längst die visuelle Sphäre verlassen hat – und uns zu Kopf gestiegen ist. Das ist deswegen bemerkenswert, weil wir hier der Rückkehr eines mittelalterlichen Zeichenbegriffes beiwohnen können. Denn damals war man der Meinung, dass ein Zeichen umso wertvoller sei, je näher es bei Gott ist – oder wie man heute sagen würde: je abstrakter es ist. Folglich galt der Gedanke als das wertvollste Zeichen, dann kam das gesprochene, dann das geschriebene Wort, erst dann das Bild und zuguterletzt die Spur, die man in der Welt hinterlässt. Das ändert sich mit der Renaissance, die nun tatsächlich jenen visual turn bewirkt hat, den die Kulturwissenschaftler der 90er mit großer Verspätung diagnostiziert haben – und da denkt Leonardo da Vinci darüber nach, dass die Musik die kleine Schwester der Malerei darstelle, einfach deswegen, weil sie verklingt, während die Malerei Werke von Ewigkeitswert in die Welt entlässt. Wenn wir heutzutage also behaupten, wir lebten in einer visuellen Kultur, dann mag das für große Bevölkerungsteile so aussehen – aber das gedankliche und ästhetische Triebwerk, das diese Welt speist, hat seine Gestalt gewandelt. Wenn die Traumfabrik Hollywoods sich vor kurzem in einen Streik hineinbegeben hat, so deswegen, weil die Fortschritte unserer Computerkultur wahrhaft grundstürzend sind. Man muss sich nur an einen der großen Historienschinken der 50 und 60er Jahre erinnern – wo ganze süditalienische Kleinstädte als Statisten rekrutiert wurden –, um sich den Unterschied vor Augen zu tagen. Denn heute stellt die CGI (d.h. die Computer Generated Imagery) dem Regisseur eine ganz Armada hyperrealistischer, gefügiger Akteure bereit. Und dieser Rationalitätsschock betrifft nicht nur die Statisten, sondern im gleichen Maße auch die Kulissen- und Bühnenbildner, ebenso wie die Musiker, die ein Bernard Hermann noch, in Gestalt eines ganzen Symphonierorchesters, ins Tonstudio gebeten hat. All dies wird nun von Leuten wie Hans Zimmer bewerkstelligt, oder von namenlosen CGI-Künstlern, welche die aberwitzigsten Dinge auf den Schirm zaubern. Womit das, was man ehedem ein Set genannt hat, nicht viel mehr ist als eine Halle, wo ein paar Schauspieler vor einem Greenscreen agieren. Nun betrifft die Rationalisierungsdrohung der künstlichen Intelligenz nicht nur die unmittelbare Aufnahmesituation, sondern auch die Postproduktion. Wenn man heutzutage nach Belieben Stimmen clonen kann, ja, wenn selbst Übersetzung und Synchronisation lippensynchron von einer AI bewerkstelligt werden können, so ist die grundstürzende Revolution der Traumfabrik fait accompli.Ich könnte nun, was die Veränderung unseres audiovisuellen Instrumentariums anbelangt, eine dystopische Suada anstimmen – und diese wäre insofern berechtigt, als die uns bevorstehenden Rationalitätsschübe wohl den ganzen Industriezweig in Mitleidenschaft ziehen. Aber genau das möchte ich nicht tun. Warum nicht? Nun – einfach deswegen, weil ich der Überzeugung bin, dass man es a) hier mit einer Unausweichlichkeit zu tun hat, und b) weil ich die ästhetischen und gedanklichen Möglichkeit, die sich mit dieser Welt auftun, persönlich ganz großartig finde. Das Dilemma, dem wir gegenüberstehen, ist vielmehr geistiger, wenn nicht philosophischer Natur, eine Demütigung, die all das übertrifft, was Sigmund Freud in seinem Unbehagen in der Kultur festgehalten hat. Denn da hat er, wie Sie vielleicht erinnern, drei geistige Demütigungen festgehalten: 1. die kopernikanische Wende, welche bewirkt hat, dass man sich nicht mehr als Zentrum der Welt fühlen kann, 2. die Darwinsche Evolutionsbiologie, die den anthropologischen Suprematismus fragwürdig gemacht hat, 3. das Unbewusste selbst, das dem Einzelnen klar macht, dass er nicht einmal im eigenen Denken heimisch sein kann, dass er nicht mehr Herr ist im eigenen Haus. Nun - halten wir uns vor Augen, dass diese Erschütterungen, als die auftraten, nur eine kleine Zahl von Menschen wirklich affiziert haben (die sogenannte Elite, wenn Sie so wollen), so haben wir es bei der digitalen Revolution mit einer sehr viel gravierenderen Situation zu tun: denn sie zieht jeden, aber auch wirklich jeden Menschen auf dieser Welt in Mitleidenschaft.Das Dilemma, dem wir heute gegenüberstehen, lässt sich mit am ehesten mit dem vergleichen, was Günter Anders einmal treffend die prometheische Scham genannt hat – und was man als eine Form der Schizophrenie auffassen kann: Ich bin’s, aber ich bin’s nicht gewesen. Wenn Blaise Pascal einmal gesagt hat, das ganze Unglück des Menschen rühre daher, dass der Mensch nicht ruhig in seinem Zimmer bleiben könne, so ist evident, dass der vernetzte Mensch per se ein Sozius, ein Gesellschaftstier ist – oder wie ich das formulieren würde: ein Dividuum, das sich an seiner Teilbarkeit und an seinem Mitteilungsdrang erhält. Aber weil das so harmlos klingt, werde ich Ihnen, die doch zu großen Teilen mit den Usancen unserer öffentlich-rechtlichen Sender vertraut sind, eine kleine, persönliche Geschichte erzählen. Die hat damit zu tun, dass ich als junger Mann mich nicht so recht entscheiden konnte, ob ich der nächste Thomas Mann oder ein Komponist werden würde. In jedem Falle habe ich doch, ziemlich früh, begreifen müssen, dass die Heroengeschichte des modernen Autors den tempi passati angehört. Das war Mitte der Achtziger - und weil ich zu dieser Zeit, in der langjährigen Zusammenarbeit mit einem Musiker von Tangerine Dream, tief in die Welt des Tonstudios und der elektronischen Klangbearbeitung eingestiegen war, begriff ich irgendwann, dass bestimmte, unhinterfragte Grundgedanken ihre Haltbarkeitszeit überschritten hatten. Wenn Sie einen Sequencer vor sich haben, mit dem Sie ihr Fingerspiel auf dem Klavier, genauer: dem Keyboard, in unerhörte Geschwindigkeitsbereiche hinaufjagen können, dann fragen Sie sich schon, warum Sie sich mit Tonleitern und Czernys Schule der Geläufigkeit herumgeplagt haben. Tiefer noch als dieser Zweifel am Virtuosentum war die Entdeckung, dass mit dem Sample eigentlich die ganze Welt zu einem Musikinstrument geworden war, ja, dass auch das Rauschen einer Toilettenspülung eine großartige ästhetische Erfahrung sein kann, ganz abgesehen davon, dass ein gesampeltes Geräusch tatsächlich ein Multitude ist, eine Vielheit. Kurzum: Was mich erwischt hat, war nichts anderes als die Proliferationsdrohung der Digitalisierung.Zeitsprung: Drei, vier Jahre später habe ich mit gemeinsam mit einem Wolfgang Bauernfeind, einem Redakteur vom rbb, und Johannes Schmölling, dem Musiker von Tangerine Dream, ein Intensiv-Seminar an der Universität der Künste abgehalten, bei dem wir Schauspieler und Tonmeister auf die gemeinsame Arbeit eingestimmt haben – und weil das gesendet werden sollte, war das nicht bloß eine beliebige Übung, sondern: der Ernstfall. Und da kam mein Kollege vom Sender auf die Idee, dass man den Tonmeistern doch ein mal vorführen solle, wie so die Profis im Sender arbeiten. Aber da ich selbst als Regisseur in großen Häuser gearbeitet hatte und wusste, dass die Tonmeister nicht einmal bereit waren, die Mehrspurmaschine im Studio anzufassen – wohingehend das Studio in der HdK schon voll digitalisiert war -, sagte ich ihm, das sei keine so kluge Idee. Aber er bestand darauf – und so betraten irgendwann (das war um 92 herum) ein halbes Dutzend Tonmeisterstudenten die heiligen Hallen des Senders, das T5. Aber schon nach fünfzehn Minuten, kaum dass die Profis ihr Werk begonnen hatten, kam der erste Student schon zu mir – und flüsterte mir ins Ohr: Sag mal, Martin, meinen die das ernst? Und tatsächlich war das, wie sich herausstellen sollte, eine höchst berechtigte Frage. In jedem Fall kam der Tonmeister, den ich ein paar Jahre später auf dem Flur des Senders traf, auf mich zu und fragte, ob ich glaube, dass man dort draußen noch jemand seines Schlages brauche könne.Woher nur rührt der Widerstand, sich auf diese Welt einzulassen? Die Antwort ist simpel: Man wehrt sich dagegen, weil die Erfahrungen, die man macht, wenn man sich auf das neuartige Instrumentarium einlässt, das eigene Selbstbild gravierend erschüttern. Und einer solch ungewissen, irritierenden Zukunft ziehen die meisten Menschen die Gespenster der Vergangenheit vor. Folglich reden sie von wahrer Authentizität, von digital detox, oder proklamieren, wenn der Versuch scheitert, die digitale Souveränität zur Geltung zu bringen, die letzten Tage der Menschheit: die Infokalypse. All das fällt deswegen so leicht, weil sich die Künstliche Intelligenz, wie ein Alien, als Fremdkörper geradezu aufdrängt – aus dem einfachen Grund, weil man sich auf die Welt der Digitalisierung nie wirklich eingelassen hat, oder bestenfalls als eine Art Konsument, der irgendwelche Buttons drückt. Lassen Sie mich abermals eine kleine Geschichte dazu erzählen. Ich bin Ende der Achtziger Jahre in die USA gefahren und habe die ganzen Pioniere der künstlichen Intelligenz interviewt. Da gab es eine reizende Begegnung mit dem Urvater aller Chatbots, Joseph Weizenbaum, der mir – noch immer kopfschüttelnd – von seiner Sekretärin erzählte. Und weil die Dame allein für ihn zuständig war, wusste sie natürlich, dass Weizenbaum an einem Chatbot mit dem Namen Eliza arbeitete – was eine Reverenz an die Eliza Doolittle aus George Bernard Shaws Pygmalion-Stück war -, und sie wusste auch, dass dieser Chatbot nichts anderes war als ein Programm, das Weizenbaum mit der Computersprache LISP verfasst hatte. Tatsächlich war das Programm nicht sonderlich sophisticated, eigentlich kaum mehr als eine Paraphrasenmaschine. Wenn man da beispielsweise eintippte: »Mir geht es schlecht«, war die Antwort des Chatbots: »Ach, dir geht es schlecht?« Was nun Weizenbaums Erstaunen erregte, war, dass, wann immer er seine Sekretärin zu Gesicht bekam, sie immerfort auf der Tastatur herumklapperte – so intensiv, dass sie sein Kommen gar nicht bemerkte. Und weil er sich darüber verwunderte, was sie da eigentlich tippte – denn so viel hatte sie bei ihm gar nicht zu tun -, trat er eines Tages hinter sie und warf auf einen Blick auf den Schirm. Und was sah er da? Dass seine Sekretärin seinen Chatbot als eine Ersatz-Psychotherapeuten benutzte: »Mir geht es schlecht« - »Ach, dir geht es schlecht?«. Diese Entdeckung hat ihn unglaublich beschäftigt – begriff er doch, dass hier, ungeachtet der Tatsache, dass seine Sekretärin wusste, nicht mit einem Menschen, sondern mit einem simplen Programm zu kommunizieren, hier jener Mechanismus am Werk ist, den Freud die Übertragung nennt.Mögen wir diese Geschichte belächeln, so ist das Sonderbare, dass ein Großteil unserer Zeitgenossen einem vergleichbaren Verhalten frönt - und dass diese Form der Übertragung (siehe Ray Kurtzweil, der da von einer Superintelligenz träumt) nicht einmal die Spezialisten des Fachs ausnimmt. Das hat mich in eine lange kulturgeschichtliche Unternehmung hineingeführt – die sich gleich in mehren Büchern niedergeschlagen hat. Und dabei stand immer die Frage im Mittelpunkt: Wie kommt es dazu? Was überhaupt ist eine Maschine? Was bringt Menschen dazu, sie auf metaphysische, nicht selten religiöse Art aufzuladen? Lassen Sie mich, bevor uns zu der Frage versteigen, was wir uns überhaupt unter Künstlicher Intelligenz vorstellen können, eine sehr schlichte, gleichwohl ungewöhnliche Deutung der Computerwelt anbieten. Was ist das Besondere daran? Was hat mich, als junger Autor, an der Welt der Geräusche begeistert? Man könnte sagen: Was immer elektrifiziert werden kann, kann auch digitalisiert werden. Das bedeutet: Das, was wir Schrift nennen, ist nicht mehr ein Abstraktum, das wie der Geist Gottes (oder die Buchstaben des Alphabets) über den Wassern schwebt, sondern es kann jede erdenkliche Form annehmen. Das können die Positionsdaten eines Wals sein, das Geräusch einer Toilettenspülung oder die Wisch-und-Weg-Handbewegung, mit der paarungswillige Großstädter diejenigen aussortieren, die sie definitiv nicht kennenlernen wollen. Beziehen wir diese Logik auf die Welt der Arbeit, die doch die einzige ist, der wir Wert zumessen, ließe sich sagen, dass jede Arbeit, die einmal digitalisiert worden ist, ins Museum der Arbeit eingeht. Auch hier eine Erinnerung aus den frühen 90ern: Da kam ein wunderbarer Pianist ins Tonstudio, spielte ein Schumann-Stück und ging. Aber kaum dass er das Studio verlassen, gab der Flügel, der seine Fingerbewegungen via Midi-Sensoren gepeichert hatte, dieses Stück wieder – und wenn uns danach gewesen wäre, hätten wir uns an Cubase oder Protools setzen und sein Spiel nach Belieben verändern können. Und dies wirft die Frage auf: Was bedeutet es, dass jede Arbeit, die einmal digitalisiert worden ist, im Museum der Arbeit verschwindet? Die Antwort ist einfach und uns allen bekannt. Weil die Elektrizität die Entfernung der Welt hinter sich lässt, kann das Programm, also der musealisierte Arbeitsvorgang, an einen x-beliebigen Ort dieser Welt transplantiert und von dort aufgerufen werden: anything, anywhere, anytime. Was uns damit heimsucht, ist das Dilemma der Lichtgeschwindigkeit. Und dies hat erst einmal nicht das Geringste mit einer künstlichen Intelligenz zu schaffen. Lassen Sie uns hier noch einen Schritt weitergehen, genauer, lassen Sie uns die Grundformel unseres digitalen Geisteskontinents in den Blick nehmen. Die findet sich in einem Werk, das der englische Mathematiker George Boole im Jahr 1854 veröffentlicht hat. Obwohl das die Boole’sche Algebra und Logik antreibt und jeder Programmierer wie selbstverständlich seine Booleans benutzt, ist diese Formel noch immer eine terra incognita. Probieren Sie’s bei der nächsten Gelegenheit aus, da werden Sie – oder, je nachdem, ihr programmierendes Gegenüber - Ihr blaues Wunder erleben. Dabei müssen Sie sich nicht einmal in die höheren Sphären hineinbegeben. Denn George Boole, der das Projekt verfolgte, den »Repräsentanten aus der Mathematik zu entfernen«, stellt sich eine sehr simple Frage: Was haben die Null und die Eins, die beiden Königszahlen der Mathematik gemeinsam – und was unterscheidet sie von allen anderen Zahlen? Wenn ich eine Eins mit sich selbst multipliziere, kommt immer Eins heraus, und wenn ich eine Null mit sich selbst multipliziere, ist das Ergebnis immer Null. Das unterscheidet die Null und die Eins von allen anderen Zahlen. Wenn wir das formalisieren, kommt die Grundformel alles Digitalen heraus: x= xn. Wenn Sie das in eine natürliche Sprache zurückübersetzen, geraten Sie geradezu in einen Schwindel hinein: Denn das bedeutet das Ende des Originals, das Ende der Identität, das Ende der Authentizität. Nimmt man das ernst und bezieht diese Formel auf sich selbst, müsste man sagen: Ich bin ein anderer, ich bin überflüssig, ich bin eine Population. - Inwieweit diese Logik sich schon unseres Denkens bemächtigt hat, wird klar, wenn wir uns vor Augen halten, dass jedes digitalisierte Objekt (sei’s ein*.pdf-Dokument, ein Audio oder ein Video-File) strukturell überflüssig ist. Dies, so scheint mir, ist eine tiefe Erschütterung, deren Folgen wir noch gar nicht wirklich absehen können.Lassen Sie uns an dieser Stelle noch einen Schritt weitergehen und die künstliche Intelligenz in den Blick nehmen, die ja tatsächlich soetwas wie eine Pseudo-Intelligenz ist. Denn was uns aus dem Spiegel da entgegenblickt, ist eine, im Wortsinne, „mittelmäßige“ Version unserer selbst. Lassen Sie mich dazu auf eine kleine Erzählung zurückkommen, die Edgar Allen Poe im Jahr 1840 veröffentlicht hat, Der Mann in der Menge. Was Poe zu dieser Kurzgeschichte veranlasst hat, dessen Motto interessanterweise den Bezug zum Elend des Menschen herstellt (Ce grand malheur, de ne pouvoir être seul – das große Elend, nicht allein sein zu können) war die Lektüre eines Textes, den der Computerpionier Charles Babbage ein paar Jahre zuvor veröffentlicht hatte: The Ninth Bridgewater Treatise. – Das ist derselbe Mann, auf den auch die Gründung der Royal Statistical Society zurückgeht – und dessen Analytical Engine, die Vorform eines Computers, 10.000 französischen Rechensklaven das Handwerk legte. In der Tat verhält sich Edgar Allen Poes Held, der in einem Londoner Café die Passanten vorübergehen sieht, wie ein Statistiker – denn er klassifiziert die Arbeiter, die kleinen Angestellten, die Putzfrauen, die Hausmädchen usw. Dann aber erregt ein älterer Mann seine Neugierde, der sich auf merkwürdige, unvorhersagbare Weise bewegt. Und er steht auf und beginnt ihm nachzugehen. Im Laufe dieser Verfolgungsjagd, die geschildert ist wie ein Krimi, begreift der Erzähler, dass dieser Mann sein inneres Bewegungszentrum verloren hat – dass er einzig, und zwar wie magisch, angezogen wird von den Geschehnissen ringsum. Das ist das Geheimnis, das sich nach einer langen Verfolgungsjagd endlich erschließt: Dieser Mann hat sein Zentrum verloren – und er geht, weil er dezentriert ist, ganz im Gesellschaftlichen auf, in der Welt ringsum. Und diese Einsicht wiederum trifft Edgar Allen Poes Erzähler wie ein Schock:»Dieser alte Mann«, sagte ich schließlich, »ist das Urbild und der Dämon des Triebes zum Verbrechen. Er kann nicht allein sein. Er ist der Mann der Menge. Es wäre vergeblich, ihm zu folgen, denn ich werde weder ihn noch sein Tun tiefer durchschauen. Das schlechteste Herz der Welt ist ein umfangreicheres Buch als der Hortulus Animae - und vielleicht ist es nur eine der großen Gnadengaben Gottes, dies: Es läßt sich nicht lesen.«Wenn wir einen Text in ChatCPT oder in Claude eingeben – oder wenn wir ein Bild über Dalle-E, Flux oder Stable Diffusion erzeugen, ist das, was herauskommt, unser stochastisches Selbst, der Mann in der Menge. Das mag intelligent scheinen – und sogar intelligenter sein, als das, was ganze Kohorten von Bachelor-Studenten zu Papier bringen –, aber es hat mit wahrer Intelligenz nichts zu tun. Man bekommt die Antworten, genauer, die Muster geliefert, welche das Machine Learning, mit der Lichtgeschwindigkeit der Prozessoren begabt, im Fundus hat ausfindig machen können. Man könnte sagen: Was uns da aus dem Spiegel entgegen schaut, ist der Mann in der Menge. Wenn man sich klar macht, dass bereits die Rede von der Künstlichen Intelligenz eine Art Selbsttäuschung ist, stellt sich die sehr viel interessantere Frage: wie geht man mit dieser Intelligenz um? Und wie entkommt man jenen Dilemmata, die für das stehen mögen, was Edgar Allen Poe im Mann in der Menge dingfest gemacht hat: das Urbild und den Dämon des Triebes zum Verbrechen. Die Antwort ist einfach und schwierig zugleich. Einfach, weil dieser Dämon in dem Augenblick, da man sich seiner bewusst wird, seine Macht verliert. Schwierig, weil wir uns als Gesellschaft längst in bestimmte Schizophrenien eingehaust haben. Und da finden es Menschen keineswegs sonderbar, mit der Berufung auf eine digitale Souveränität (und gespeist vom Denken eines Carl Schmitt) die freie Rede im Internet beschneiden zu wollen. Diese geistige Verwirrung, die kognitive Dissonanz zu nennen beinahe eine Untertreibung ist, scheint mir weit gefährlicher als all das, was wir mit den Mitteln der Künstlichen Intelligenz bewerkstelligen können. Ja, es wird möglich sein, dass wir in Zukunft Avatare von uns selbst erstellen können, die beim Konsumenten den Anschein eines wirklichen Menschen erwecken – aber dies hat sich lange zuvor schon, lange, bevor dies zu einer technischen Realität wurde, im Denken der Menschen eingebürgert. Wenn der Anrufer aus dem Call-Center, seinem Lehrbuch folgend, seine Sätze herunter spult, dann habe ich es nicht mehr mit einem menschlichen Gegenüber, sondern mit einem Androiden zu tun. Man vergisst ja leicht, wo bestimmte Konzepte ihren Anfang genommen haben. Nehmen wir den Cyborg. Damit hat man in den sechziger Jahren den Menschen bezeichnet, der in lebensfeindlicher Umwelt – also im Vakuum des Weltraums – nur mit kybernetischen Mitteln am Leben gehalten werden kann, also den cybernetically augmented organism. So besehen sind wir alle, die wir an unseren Smartphones und Computerbildschirmen hängen, längst zu Cyborgs mutiert. Gibt es daran etwas auszusetzen? Ich würde sagen: Nein – oder wenn da etwas zu bemerken ist, dann das, dass ein solches Cyborg-Sein sich mit Behauptungen von Identität, Authentizität und digitaler Souveränität nicht verträgt.Um zum Ende zu kommen. Ich sehe durchaus, dass die digitale Disruption, der Einbruch von Machine Learning und KI, eine Art Paradigmenwechsel darstellt – und die politischen Folgen können so dramatisch sein wie der Einbruch des Räderwerkautomaten, der das Mittelalter in eine wahre Glaubenskrise gestürzt hat. Man sieht’s ja allerorten: eine Art allgemeines Unbehagen in der Kultur, das sich, um sich gleichwohl behaupten zu können, in eine Erotik des Ressentiments hineinflüchtet, ein Great Again, das wie ein postmoderner Don-Quixotismus anmutet: ein Kampf nicht gegen die Windmühlen, sondern die Prozessoren, die uns, gerade so wie Don Quixote, erscheinen wie die Monster der Vergangenheit. Wie kein anderer Philosoph hat wohl Nietzsche dieses Dilemma erfasst, als er schrieb:Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.Wenn ich von all diesen politischen Fragen absehe und mich stattdessen auf das fokussiere, was sich mit den Mitteln der KI heute bewerkstelligen ließe, vor allem, welche geistigen und ästhetischen Räume sich hier auftun, verändert sich die Szenerie, aber auch die Tonlage schlagartig. Mag sein, dass wir damit in ein Terrain vorstoßen, dass Ihnen fremdartig, wenn nicht gar unheimlich ist. Meinerseits würde ich nichts Geringeres ansetzen als das, was die Renaissance für unsere Kultur bewirkt hat. Denn der Raum der Zeichen (siehe oben) durchläuft eine radikale Revolution. Eigentlich könnte jeder, der sich heutzutage mit der Manipulation audiovisueller Objekte beschäftigt, ein Lied davon singen. Wenn Sie sich in ein Programm wie DaVinci-Resolve vertiefen – was für ein passender Name!-, haben sie plötzlich mit der Frage zu schaffen, welche Wirkung eine Klangdatei auf die Farb- oder Lichtgestaltung hat, oder sie beschäftigen sich mit der Ästhetik des LightLeaks, des Glitches und der Partikelemissionen usw. All diese Fragen mögen Ihnen so abseitig erscheinen, wie der Umstand, dass ich meinem Nachdenken über die Philosophie der Maschine zu einer Alien Logic gelangt bin – und ich will’s Ihnen offengestanden gar nicht verargen. Als mein Sohn, als 9-jähriger Waldorfschüler gefragt wurde, was sein Vater so macht, hat er hinreißenderweise geantwortet: »Mein Vater schreibt Bücher, die niemand versteht!« Der Punkt ist bloß: All die Überzeugungen, zu denen ich im Laufe der Zeit gelangt bin, sind keine Erfindungen meinerseits, sondern haben mit dem Gesellschaftstriebwerk zu schaffen, das uns alle betrifft.In diesem Sinndanke ich Ihnen für Ihre AufmerksamkeitThemenverwandt Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe
  • Im Gespräch mit ... Andreas Hermwille 25.07.2025 1t 37min
    Wenn ein so bizarres Phänomen wie das Task Masking, also die Vortäuschung von Geschäftigkeit, in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt ist, so kann man dies als einen Beleg dafür lesen, dass unsere Arbeitswelt, ganz unter der Hand, in ein Produktivitätstheater übergegangen ist. Und ganz offenkundig scheint das wesentliche Vermögen, das einem jungen Menschen hier abverlangt wird, in der Kompetenzsimulationskompetenz zu bestehen. Und weil unsereins, als Boomer, einer hoffnungslosen gestrigen Welt angehört, lag der Gedanke nahe, sich mit einem sehr viel jüngeren Menschen über diese Frage zu unterhalten. Dass mein Blick hier auf Andreas Hermwille fiel, hatte damit zu tun, dass er sich mit dem Phänomen des Loud Quitting beschäftigt hat (also der höchst geräuschvollen Performance, mit der ein junger Mensch vor den Augen seiner Social Media-Followerschar seine Trennung vom Arbeitgeber zelebriert) - und zudem, dass er, mit der Luhmannschen Systemtheorie im Gepäck, einen durchaus ausgenüchterten Blick auf die Verhältnisse besitzt – also genau das, was einen Organisationssoziologen auszeichnet.Andreas Hermwille arbeitet als Soziologe und Journalist für die Organisationsberatung Metaplan. Er verantwortet das zu Metaplan gehörige Magazin Versus - für kritische Organisationspraxis und ist Co-Host des Podcasts "Der ganz formale Wahnsinn", den er gemeinsam mit Professor Stefan Kühl von der Universität Bielefeld betreibt. Studiert hat Hermwille in Bielefeld, für die Ausbildung zum Radiojournalisten war er unter anderem beim Deutschlandfunk.Themenverwandt Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe
  • Im Gespräch mit ... Matthias Heine 02.07.2025 1t 11min
    Auf eine sonderbare Weise hat sich in den letzten Jahren eine fast Orwellsche Sprachpolitik eingebürgert, bei der sich einige Zeitgenossen, wie eine Art informeller Sprachpolizei, dazu ermächtigt fühlen, die Verlautbarungen ihrer Zeitgenossen zu klassifizieren. Mag man sich in der Überzeugung, dass die Welt nichts weiter ist als ein Sprechakt, ja dass selbst das Schweigen einen Gewaltakt darstellen kann (»silence is violence«), auf höchst zweifelhaftem philosophischen Fundament bewegen, hat die Sprach-Regulierungswut unterdessen auch Verwaltungen und Konzerne erfasst. Ja, im Gefolge der Hate-Speech-Hysterie kommt es nicht selten vor, dass die Verwendung eines »falschen« Wortes auch juristische Konsequenzen hat. Matthias Heine, der als Wissenschaftler an der Neubearbeitung des Deutschen Wörterbuchs mitgewirkt hat, hat sich dem Phänomen des Sprachumbaus, den er als gesamtgesellschaftliche Katastrophe begreift, in gleich mehreren Büchern genähert. Stellen diese zugleich einen Streifzug durch unsere Kulturgeschichte dar, der von Martin Luthers spätmittelalterlicher Legasthenie (14 Schreibweisen des Wortes »Wittenberg«) bis hin zu den Sprachinterventionen der Tagesschau reicht, wird darüber sichtbar, wie exzeptionell die derzeitigen Eingriffe in unsere Sprache sind. Wenn selbst ein Josef Stalin auf die Forderung seiner Parteigenossen, die russische Sprache von feudalen Überresten zu säubern, entgegnete, dass die Sprache seit jeher ein Volkseigentum darstelle, eine solche Forderung mithin unsinnig sei, begreift man, dass man es mit einem revolutionären Furor zu tun hat, der an Radikalität noch manche Verstiegenheit der Vergangenheit in den Schatten stellt. Schon aus diesem Grund war die Unterhaltung mit Matthias Heine überaus lehrreich – hat das Gespräch Perspektiven eröffnet, welche den großen Sprachumbau der Gegenwart in ein neues, durchaus überraschendes Licht tauchen.Matthias Heine, der zunächst als freier Journalist für die Welt, die FAZ und den Cicero schrieb, ist seit 2010 als Feuilletonredakteur bei der Welt tätig.Matthias Heine hat (u.a.) veröffentlicht:Themenverwandt Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe
  • Im Gespräch mit ... Gerd Koenen 26.06.2025 1t 45min
    Es gibt nur wenige Zeitgenossen, die sich mit den historisch-untergründigen Geistesströmungen beschäftigen, welche uns in die gegenwärtigen Kalamitäten hineingeführt haben – eine Welt, in welcher der Krieg zu einem Mittel der Politik geworden ist, der starke Mann zu einer Sehnsuchtsfigur – und autoritäre Gedankenfiguren eine bizarre Wiederauferstehung erleben. Mag sein, dass der Grund, der Gerd Koenen zur Anamnese unserer Gegenwart gebracht hat, mit der persönlichen Erfahrung der Kulturrevolution verwoben ist. Als Mitglied des SDS und des Kommunistischen Bundes Westdeutschlands, dessen Kommunistische Volkszeitung er als Redakteur betreute, befand er sich gleichsam im Zentrum des Geschehens - und konnte nach seinem Ausstieg aus der Bewegung, wie kaum ein anderer, die Geschichte der 68er Revolte nachzeichnen. In dieser Erzählung wird deutlich, wie die Traumpfade der Weltrevolution in einen geistigen Tunnel hineingeführt haben, in dem die Phantasmen der Stadtindianer in die Gewalttaten der RAF eingemündet sind. Als Historiker, der mit einer Psychoanalytikerin aus dem ehemaligen Ostblock verheiratet ist, darüber hinaus vielfältige Kontakte zur Solidarność und zu ausgebürgerten Dissidenten unterhielt (wie etwa Lew Kopelew), führte ihn die Problematik des real-existierenden Kommunismus zu der Frage, wie die politische Ökonomie eines Karl Marx in eine totalitäre Staats- und Gesellschaftsform umschlagen konnte. Weil aus dieser langen Beschäftigung mit der Frage des Kommunismus ein intensives Verhältnis zu Russland entstand, ist Koenen zum Chronisten auch jenes Wandels geworden, der uns heute in Gestalt des bellizistischen Putin-Russlands gegenübersteht. Und genau hier setzt unsere Unterhaltung an, die eine große geschichtliche tour de force geworden ist – und sich mit jenen gedanklichen Hohlräumen beschäftigt, die uns noch heute umtreiben. Dies mag der Frage gelten, ob der Marsch durch die Institutionen zu ihrer sukzessiven Aushöhlung geführt hat – und ob diese Form der politischen Evakuierung zum Erstarken antidemokratischer, ja, bellizistischer Grundhaltungen geführt hat, aber ebenso steht die Politik des Ressentiments und des gegenwärtigen Nihilismus auf dem Tablett.Gerd Koenen, 1944 geboren, war in jungen Jahren Mitglied des SDS und der KBW, nach seinem Austritt aus der Bewegung Redakteur des Pflasterstrands. Ihm verdankt sich eine wunderbare Chronik dieser Zeit: Das rote Jahrzehnt. Unsere kleine deutsche Kulturrevolution 1967–1977. In der Folge hat er sich als Historiker in mehreren Büchern mit der Geschichte des utopischen Denkens und des Kommunismus beschäftigt – wobei zunächst das deutsche Verhältnis zu Russland, dann Russland selbst in den Vordergrund getreten ist.Von Gerd Koenen sind (u.a.) erschienenThemenverwandt Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe
  • Im Gespräch mit ... Stefan Weber 18.06.2025 1t 59min
    Vielleicht ist die Psychologie des Copy Pasters eine der größten Leerstellen unserer heutigen Zeit – hat man es hier doch mit einem Spezimen zu tun, das erst um die Jahrtausendwende, dann allerdings höchst massiv in Erscheinung getreten ist. Haben frühere Zeiten dieses Wesen, je nachdem unter das Werther-Syndrom oder den Bovarysmus zu subsumieren versucht, als eine Form, den eigenen „Roman zu leben“ , scheint das Design der eigenen Identität nun zur Lebensaufgabe geworden zu sein. Fällt einem dazu nur wenig ein, kann man sich mit einem Mausklick die Lebensleistung eines oder mehrerer anderer Menschen einverleiben. Ein solcher Schachzug ist umso attraktiver, als die akademischen Titel, ebenso wie der Nimbus des Autors eine gewisse soziale Reputation versprechen. Schon aus diesem Grund haben mich die Enthüllungen des Plagiatsjägers Stefan Weber stets interessiert. Dass sie ins Zentrum zahlloser politischer Skandale geführt haben (einfach deswegen, weil die Frage des Plagiats die charakterliche Integrität von Menschen berührt, die sich in der Öffentlichkeit zu moralischen Instanzen aufgeschwungen haben), ist bemerkenswert genug; sehr viel rätselhafter aber ist die zugrundeliegende Frage, nämlich, was Menschen dazu bewegt, sich mit falschen Federn zu schmücken, ja, was sie dazu verleitet, noch die intimsten Empfindungen, die eigenen Tränen z.B., zu plagiieren. So besehen stellt der Copy Paster beinahe so etwas wie ein unerforschtes Wesen dar, ja, könnte man ihm nachgerade den Slogan der Anonymus-Hacker zuschreiben:We are Anonymous. We are Legion. We do not forgive. We do not forget. Expect us.Tatsächlich sind die Plagiatsfälle, die Stefan Weber der Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat, unterdessen Legion. Das beginnt mit dem Fall Karl-Theodor zu Guttenbergs 2011 – und setzt sich fort: Johannes Hahn, Norbert Lammert, Diana Kinnert, Matthias Döpfner, Annalena Baerbock – um nur die prominentesten Plagiatoren zu nennen. Interessanter jedoch als der trübe Umstand, dass die Identitätsfälschung zu einem Gesellschaftsspiel geworden ist, ist die Frage, was die zugrundeliegenden sozialen Faktoren sind – mehr noch, warum selbst Institutionen, die (wie die Universität) das höchste Interesse an der Integrität ihrer Forschung haben sollten, hier ein, nein mehr noch, alle beiden Augen zudrücken.Stefan Weber ist habilitierter Kommunikationswissenschaftler. Dass er zum berühmt-berüchtigten Plagiatsjäger wurde, ist der Tatsache geschuldet, dass seine eigene Doktorarbeit gleich ein dreifaches Plagiat erlebte – und somit auf höchst persönliche Weise auf diese Thematik gestoßen wurde. Unterdessen hat er die „Plagiatsjagd“ zur Lebensaufgabe gemacht – immer mit dem Blick darauf, dass das Problem der akademischen Integrität eine Frage ist, die in den Zeiten von ChatGPT das Fundament der heutigen Wissensproduktion affiziert.Von Stefan Weben sind (u.a.) erschienen:Themenverwandt Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe
  • Im Gespräch mit ... Heiner Bielefeldt 13.06.2025 1t 31min
    Mag eine Deklaration nur eines einzigen Sprechaktes bedürfen, wird es deutlich komplizierter, wenn die Wörter auf die Wirklichkeit treffen - und es darum geht, die hehren Absichten in die Tat umzusetzen. Genau dies ist das Problem der Menschenrechte, die allüberall im höchsten Ansehen stehen, aber vor allem dann auf die Tagesordnung geraten, wenn die Würde des Menschen sich als höchst antastbar erwiesen hat. Spätestens hier wird sichtbar, dass wenig gewonnen ist, wenn man die Menschenrechte, wie es ein Großteil der Philosophen getan hat und immer noch tut, aus dem Naturrecht ableiten will. Hannah Arendt jedenfalls, die sich, in Anbetracht der existenziellen Heimatlosigkeit des Menschen in der Moderne mit dieser Frage beschäftigt hat, war der Meinung, dass man die Menschenrechte nicht aus dem Naturrecht ableiten kann, sondern dass sie historischer, mehr noch, europäischer Provenienz sind. In diesem Sinn ist die Vorbedingung für das Menschenrecht die Annahme, dass der Mensch das Recht besitzt, Rechte zu haben - und dies wiederum setzt die Zugehörigkeit zu einem Gemeinwesen voraus, das seine Rechtsansprüche abzusichern gewillt ist. Genau dies war der Grund, der mein Augenmerk auf Heiner Bielefeldt gelenkt hat, der seine ganze berufliche Karriere der Menschenrechts-Frage gewidmet hat. Herausgekommen ist ein Gespräch, das sich langsam, aber unwiderstehlich an die zugrundeliegende Problematik heranzoomt. Oder wie Karl Kraus dies einmal in ein wunderbares Aperçu übersetzt hat: Je näher man ein Wort anschaut, desto ferner schaut es zurück.Bis zu seiner Emeritierung bekleidete Heiner Bielefeldt, der von der Wikipedia als Theologe, Philosoph und Historiker geführt wird, den Lehrstuhl für Menschenrechte und Menschenrechtspolitik der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Zudem war er, als Sonderberichterstatter für Religions- und Weltanschauungsfreiheit des UN-Menschenrechtsrats, mit höchst praktischen Fragen beschäftigt.Von Heiner Bielefeldt sind u.a. erschienen:Themenverwandt Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe
  • Im Gespräch mit ... Bernhard Krötz 01.06.2025 1t 43min
    Es passiert nicht allzu häufig, dass jemand, der eigentlich in der höheren Mathematik zuhause ist (und sich dort mit reellen sphärischen Räumen, Liu-Gruppen und Fragen der Spektralanalyse beschäftigt), sich in die Niederungen unseres Bildungssystems hinein verirrt, mehr noch, dass er den Schulunterricht darauf befragt, ob er das, was zu leisten er vorgibt, tatsächlich abliefert. Dass Bernhard Krötz sich diesem Exerzitium unterzogen hat, mag damit zu tun haben, dass ihn die Corona-Krise, als Vater eines heranwachsenden Sohnes, in die häusliche Lehre hinein nötigte. In jedem Fall bespricht Krötz seit dem Jahr 2021 auf seinem YouTube-Kanal den real existierenden Mathematikunterricht. Und weil seinen Videos ein großer Zuspruch beschieden ist, erreichten ihn die Berichte von verzweifelten Eltern und Schülern, die einen nicht-enden-wollenden Strom von Anschauungsmaterial darüber lieferten, wie eine Mathematik ohne Mathematik – und eine Physik ohne Physik – tatsächlich aussehen kann. Wenn Georg Picht in den 60er Jahren eine Bildungskatastrophe ausgerufen hat, fragt sich, welch passendes Wort sich für den heutigen Niedergang finden ließe. Klar ist lediglich: Dieser Qualitätsabstieg hat wenig mit dem grandiosen Selbstbild der Bildungsrepublik Deutschland zu tun. Sonderbarer ist, dass ein Land, das in Ermangelung der entsprechenden Bodenschätze vor allem auf die intellektuellen Leistungen des eigenen Nachwuchses angewiesen ist, hier so schlagend versagt; und dies ist umso erstaunlicher, als das Versagen begleitet wird von einem Chor unermüdlicher Bildungsreformer. Und weil dies eine Frage ist, der ich selbst seit langer Zeit nachhänge, bin ich auf Bernhard Krötz gestoßen, der mit großer Genauigkeit die Sinnwidrigkeiten der schulischen Praxis zergliedert. Versucht man ein Muster herauszupräparieren, könnte man sagen, dass sich hier, dem schönen Bonmot gemäß, nach dem der Weg zur Hölle mit guten Vorsätzen gepflastert ist, hehre Absichten an die Stelle einer wirksamen Pädagogik gesetzt haben. Wenn sich diese bei genauerem Hinschauen als Schildbürgerstreiche höherer Ordnung entpuppen, stellt sich die Frage, was man leisten muss, um die eigene Torheit nicht zur Kenntnis zu nehmen - was eine andere Betrachtungsweise darauf ist, was sich heutzutage als Aktivismus gebärdet. Sicher ist nur: Wo Wörter Realitäten ersetzen, ist der Weg zur ideologischen Verblendung nicht fern. Und weil diese Entwicklung auf den Zauber des digitalen Zeitalters trifft, mögen die Verantwortlichen auch fürderhin davon träumen, dass man, nach dem Modell des Nürnberger Trichters, den Schülern mit dem Erwerb von iPads das Weltwissen einträufeln kann – und es vor allem darauf ankommt, sie mit einer zeitgemäßen Moralität auszurüsten. Wie wenig diese „weiße Pädagogik“ wirklich mit einer überlegenen Moral zu tun hat, hat Bernhard Krötz am eigenen Leib erfahren müssen. Unversehens nämlich sah er sich, einer flapsigen, nicht weiter ernstgemeinten Bemerkung wegen, den wüstesten Beschimpfungen selbsternannter Tugendwächter ausgesetzt. Aber weil ihn dies nicht im Geringsten hat erlahmen lassen, haben wir uns zu einem anregenden Gespräch zusammenfinden können.Bernhard Krötz lehrt Mathematik an der Hochschule Paderborn. Für seine wissenschaftlichen Arbeiten wurde er mit dem ERC Advanced Grant des European Research Councils ausgezeichnet, dem höchsten europäischen Forschungspreis. Auf seinem YouTube Kanal seziert er mit beißendem Humor die Schildbürgerstreiche, welche sich die Mathematik- und Physikdidaktiker so einfallen lassen.Bernhard Krötz - HomepageBernard Krötz - YouTube-KanalThemenverwandt Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe
  • Im Gespräch mit ... Jens Hacke 18.05.2025 1t 27min
    Vor einem guten halben Jahrhundert sind Hannah Arendts »Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft« erschienen – und auch wenn dieses Werk, als Resultat eines langen geistigen Winterschlafs, etwas in Vergessenheit geraten ist, bietet es doch die psychologisch präziseste Beschreibung dessen, was man als die totalitäre Versuchung der Moderne begreifen kann. Und wenn die Politikwissenschaftler den Totalitarismus allein unter dem Rubrum des totalen Staates verbucht haben, machen heutige, eher dezentral agierende Organisationen klar, dass der Totalitarismus eine Wiederauferstehung erlebt hat, im neuen, überraschenden Gewand. Und dies wiederum ist ein Grund, sich mit Jens Hacke zu unterhalten, der zu der Wiederauflage von Hannah Arendt großem Werk ein langes Nachwort beigesteuert, das selbst die Länge eines kleinen Buches hat. Und weil auf diese Weise die Gedankenwelt der Hannah Arendt revitalisiert wird, lässt sich ein neuer, frischer Blick auf einen Klassiker werden – ein Jahrhundertwerk, das in seiner Bedeutung bis heute noch nicht vollständig erfasst worden ist.Jens Hacke lehrt, dessen Habilitationsschrift sich mit der Ideengeschichte der Weimarer Republik beschäftigt hat und dessen wissenschaftliche Arbeit mit mehreren Preisen ausgezeichnet wurde, lehrt als Politikwissenschaftler an der Universität Halle-Wittenberg.Von Jens Hacke sind erschienenThemenverwandt Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe

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